Beispiele

Bei den bereitgestellten Beispielen handelt es sich um Werke, die ich nach unterschiedlichsten Vorgaben selbst verfasst oder überarbeitet habe. In jedem Fall ist mir wichtig, dass sie meinen Stil gebührend repräsentieren. Texte, welche ich lediglich korrigiert habe, liste ich hier nicht auf.

Hochzeitsreden

Liebe Gäste,

ich gestehe, dass ich unglaublich nervös bin. Das Einzige, was mich ein wenig beruhigt, ist der Gedanke, dass es keine Rolle spielt, wie sehr ich mich bei meiner Rede blamiere. Sobald wir nämlich zum Brauttanz kommen und ihr mich tanzen seht, wird euch jede vorangegangene Peinlichkeit vernachlässigbar erscheinen.

Obwohl ich in den nächsten Minuten also eigentlich Narrenfreiheit genieße, will ich einige Dinge loswerden, die mir auf dem Herzen liegen. Zuallererst: Danke an euch alle – sowohl für eure großzügigen Geschenke als auch dafür, dass ihr gekommen seid. Ihr macht diesen für Julia und mich so bedeutenden Tag endgültig unvergesslich. Ich hoffe, ihr genießt den Abend.

Besonderer Dank gebührt außerdem meinem Trauzeugen Leon. Im Rahmen der Hochzeitsvorbereitungen hast du mir erneut gezeigt, warum ich dich seit mehr als zehn Jahren meinen besten Freund schimpfe. Vielen Dank auch, dass du über die Jahre nicht müde geworden bist, mir immer wieder vor Augen zu führen, was für ein mieser Tänzer ich bin – ohne dich hätte ich mich möglicherweise überhaupt nicht überwinden können, diese Rede zu halten.

Des Weiteren will ich mich ausdrücklich bei Gerhard und Nadja, meinen Schwiegereltern, bedanken. Ich weiß zu schätzen, wie herzlich ihr mich in eure Familie aufgenommen habt – vor allem, da mir bekannt ist, wie sehr ihr auf das Wohl eurer Tochter bedacht seid.

Ja, und dann will ich selbstverständlich noch ein paar Worte an ebendiese Tochter richten:
Liebe Julia, als ich dich am 17.08.2014 das erste Mal gesehen habe, stockte mir der Atem. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, der nicht so recht wusste, wie er sich verhalten sollte. Viele Monate später erfuhr ich, dass du meine Unbeholfenheit irgendwie süß fandest. Spätestens da war mir klar, dass du die Richtige bist.
Heute Morgen, als ich dich in diesem umwerfenden Kleid erblickt habe, blieb mir erneut der Atem weg – und spätestens angesichts meiner Rede war ich wieder der unsichere kleine Junge. Ich fasse das als gutes Zeichen auf. Im Grunde brauche ich aber gar keine Zeichen – denn noch nie in meinem Leben war ich mir bei einer Sache so sicher.

Julia, du bist die liebevollste, witzigste, loyalste, ehrlichste und mit Abstand attraktivste Frau, der ich jemals begegnet bin. Ich will dir fortan zur Seite stehen und stets zu dir halten, will mich immer wieder in dich verlieben und gemeinsam mit dir alt werden. Ich will jeden Weg mit dir gehen, ganz egal, wohin er führt. Zusammen mit dir will ich unser gemeinsames Leben entdecken. Und weißt du, was? Sollen sie doch lachen – jetzt will ich mit dir tanzen. Darf ich bitten?

Verehrte Hochzeitsgäste,

gerade eben hat mich Mark noch einmal beiseitegenommen und gebeten, euch nicht mit einer langen Rede zu langweilen. So einer Bitte des Bräutigams kommt man natürlich nach. Darum werde ich euch jetzt mit einer kurzen Rede langweilen.

Für alle, die mich nicht kennen: Mein Name ist Christoph und ich bin der Trauzeuge. Ich kenne Mark seit unserer Jugend und gemeinsam haben wir eine Menge erlebt. Wir haben zusammen gefeiert, uns die Nächte um die Ohren geschlagen und sind mit quasi leeren Taschen durch Europa getingelt. „Abenteuerlich“ scheint mir das passende Wort zu sein. Ihr dürft mir glauben, dass es da so manche Geschichte zu erzählen gäbe, die euch umhauen würde – weil Mark und Lucia allerdings vorhaben, ihre Flitterwochen in Frankreich zu verbringen und ich keinesfalls riskieren möchte, dass unserem frisch gebackenen Ehemann die Einreise verweigert wird, behalte ich diese besser für mich.

Unmöglich für mich behalten kann ich jedoch Folgendes: Zu sehen, wie gut du, liebe Lucia, Mark tust, berührt mich zutiefst. Ganz egal, wie viele spektakuläre Abenteuer dein Mann und ich auch erlebt haben, ich habe ihn noch nie so glücklich gesehen. Ich kann es ihm aber auch nicht verübeln. Nein, mein Guter, du hast da schon einen bemerkenswerten Fang gemacht.

Sieh sich einer diese Frau an: Wunderschön, intelligent, zuvorkommend und humorvoll – und dann sieh sich einer Mark an …

Spaß beiseite. Ich war an dem Abend dabei, als ihr beide euch kennengelernt habt. Ihr wart definitiv nicht die Einzigen, die schnell spüren konnten, dass zwischen euch eine Verbindung besteht – und ich schwöre, ich hätte das sogar wahrgenommen, hätte mich Mark auf dem Heimweg nicht pausenlos von „dieser Frau“ zugetextet.
Drei Jahre ist besagter Abend nun her. Drei Jahre, in denen ihr schließlich entschieden habt, eurer restliches Leben miteinander zu verbringen.

Tja, mein lieber Mark, deine Zeit als Junggeselle ist nun vorüber. Aber das ist kein Grund, Trübsal zu blasen. Im Gegenteil. Ich glaube, vor dir liegt das größte Abenteuer deines Lebens. Und weißt du, was? Ich gönne es dir von Herzen. Es war mir eine Ehre, dich auf deiner Reise bis hierhin zu begleiten – und ich werde weiterhin zur Stelle sein, wenn du mich brauchst. Trotzdem ist das ab sofort eure Reise. Ich spreche wohl im Namen aller, wenn ich euch nur das Beste wünsche. Ich freue mich außerdem, heute gemeinsam mit euch feiern zu dürfen. Lucia und Mark, ihr habt da etwas Besonderes. Schön, dass ihr euch gefunden habt.

Geburtstagsreden

Guten Abend zusammen, vielen Dank, lieber Reiner, für die Einladung.

Mir wird heute die Ehre zuteil, ein paar Worte sagen zu dürfen. Nicht, dass ich sonderlich heiß darauf gewesen wäre, glaubt mir, aber habt ihr schon einmal versucht, der reizenden Maria einen Wunsch auszuschlagen? Unmöglich.
Besser für euch, so könnt ihr jetzt nämlich entspannt an euren Tischen sitzen und darauf warten, dass der Kerl hier vorne sich verhaspelt.

Wie auch immer. Was erzählt man denn bei so einer Rede? Gute Frage, oder? Die habe ich mir auch gestellt. Dass unser werter Reiner heute 50 wird, dürfte allen bekannt sein. Oder ist jemand versehentlich hier gelandet? Falls ja, das da drüben ist Reiner. Vielleicht stellt ihr euch nachher einfach mal vor.

Spaß beiseite. Jeder hier weiß, dass Reiner ein unfassbar zuverlässiger und ehrlicher Mann ist, das muss ich nicht extra erwähnen. Dass er nicht auf die Schnauze gefallen ist, dürfte auch kein Geheimnis sein. Genauso wenig wie die Tatsache, dass ein Beisammensein ganz oft erst durch seine Anwesenheit unvergesslich wird. Reiner ist ein fürsorglicher Vater, ein fantastischer Ehemann und ein toller Lehrer. Ein Großteil seiner Schüler würde mir da jedenfalls zustimmen … und bestimmt nicht nur die, die auf der Kippe stehen. Aber das ist alles bekannt.

Was könnte ich also sagen, was nicht schon jeder weiß? – Na ja, dachte ich mir, da bieten sich doch meine ganz persönlichen Gedanken an.

Für mich ist Reiner der beste Freund, den ich mir vorstellen kann. Er bereichert mein Leben mittlerweile bereits seit über 30 Jahren (sind wir wirklich schon so alt?) und ich bin unglaublich dankbar, ihn kennengelernt zu haben. Was wir gemeinsam erlebt haben, ist schlicht und ergreifend der Wahnsinn. Es gäbe da Geschichten, die würdet ihr nicht glauben. Niemand würde das. Aber das ist nicht wichtig, denn er und ich, wir beide wissen, dass sie wahr sind. Und nur wir beide müssen das wissen, denn es sind unsere Geschichten.

Ganz egal was ich für ein Problem hatte, seine Hilfe war mir gewiss. Wir haben gemeinsam die Schule absolviert und an derselben Uni studiert. Wir haben Frauen kommen und gehen sehen – nichts für ungut, Maria – und wir sind zusammen gereist.
Wir haben auch dunkle Zeiten miteinander durchgestanden, so ist es nicht. Wir haben gestritten – Gott, was haben wir gestritten –, aber wir haben uns auch immer wieder vertragen. Wir haben berufliche Rückschläge erlitten und geliebte Menschen zu Grabe getragen – aber wir waren füreinander da. Und nach jeder miesen Zeit kam schließlich eine bessere. Häufig sogar eine verdammt gute.

Wir sind beide Eltern geworden und – wie verrückt ist das denn? – unsere Kinder verstehen sich prächtig. Teilweise auch schon seit über zwei Jahrzehnten. Der Gedanke daran, dass unsere Freundschaft in ihnen weiterbesteht, überwältigt mich. Das zeigt, was für eine besondere Freundschaft wir, Reiner und ich, haben. Eine Freundschaft, die allen Widrigkeiten trotzt und jedes Hindernis überdauert – sogar die Zeit selbst.

(Pause)

Bisher habe ich es ganz gut hingekriegt, mich nicht zu verhaspeln, oder? Vielleicht sollte ich zum Ende kommen, bevor sich das ändert. Also halte ich jetzt – wie Reiner es sagen würde – einfach die Backen. Bloß eins noch:

Ich wünsche dir zu deinem 50. Geburtstag nur das Beste, mein Freund. Mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen, heute wie an jedem weiteren Tag deines Lebens.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Grabreden und Nachrufe

Ich weiß nicht, wie oft ich mich mit Theodor in die Haare bekommen habe, weil er zu spät nach Hause gekommen ist. Wobei „in die Haare bekommen“ nicht ganz passt, denn selbst wenn mich die Wut gepackt hat, war er die Ruhe selbst. Ganz egal, ob das Essen längst kalt geworden war oder ob wir bei Bekannten erwartet wurden, er entgegnete mir gelassen, dass es unhöflich gewesen wäre, den netten Herrn im Park abzuwimmeln, den Gesängen der Vögel keine Aufmerksamkeit zu schenken oder – und das schlug für mich dem Fass den Boden aus – die frühe Vormittagssonne nicht angemessen zu genießen.

Sicher sind einige von euch mit dem Stadtpark vertraut. In der Nähe des kleinen Spielplatzes, unweit vom unteren See steht eine einzelne Bank. Das war sein Stammplatz. Von Frühling bis Herbst war er dort fast täglich anzutreffen, sofern das Wetter mitspielte. Er beobachtete die Enten, denen er oft unsere Brotreste – oder was er als Reste interpretierte – mitgebracht hatte, die Spaziergänger und Jogger, die vorbeikamen, oder lehnte sich zurück und genoss einfach nur den Augenblick.

Vor einigen Tagen habe ich dem Park einen Besuch abgestattet und saß eine Weile auf der Bank – auf seiner Bank. Es klingt bestimmt verrückt, doch es fühlte sich an, als hätte sich die Stimmung an diesem normalerweise so idyllischen Ort verändert. Es herrschte weniger reges Treiben, die Vögel sangen leiser und eine zarte Wolkendecke sorgte dafür, dass das Licht der Sonne nur verhalten auf den Boden fiel. Ich stand auf, ging ans Ufer und beobachtete die Enten.
Ich fragte mich, ob sie wüssten, dass Theodor gegangen war. Dass ihr vermutlich treuster Freund nie wieder mit einem großzügigen Stück fast frischen Brotes auftauchen würde. Ich fragte mich, ob den Joggern, den Kindern, die regelmäßig mit ihren Eltern den Spielplatz besuchten, oder den Spaziergängern auffallen würde, dass der ältere Herr mit dem freundlichen Lächeln nicht mehr erschien … und auch wenn ich mir dessen fast sicher bin, spielt es im Grunde keine Rolle.

Es ist nicht wichtig, ob Unmengen von Menschen um einen trauern. Viel wichtiger ist es, wie man denen in Erinnerung bleibt, die einen kannten – und wer Theodor wirklich kannte, der weiß, was für eine bemerkenswerte Persönlichkeit die Welt verloren hat.
Theodor war der zuvorkommendste Mensch, dem ich je begegnet bin. Er war nicht nur stets gelassen, sondern vermochte es außerdem, diese Gelassenheit an seine Mitmenschen weiterzugeben. Theodor hat das Leben geliebt – und ich habe Theodor geliebt. Natürlich schmerzt der Abschied ungemein, doch bin ich auch dankbar, über drei Jahrzehnte an der Seite dieses Mannes verbracht haben zu dürfen – völlig egal, wie oft das Essen kalt geworden war oder wir zu spät kamen. Nach meinem Ausflug in den Park war ich übrigens selbst nicht pünktlich zu Hause.

Wo auch immer du jetzt bist, in Gedanken bin ich bei dir. Und – obwohl sie es nicht ausdrücklich gesagt haben – ganz liebe Grüße von den Enten.

Mach es gut, Theodor – mein Ehemann und Ruhepol.

Sonstige Reden

Meine Damen und Herren,
sehr geehrte Schulleitung, liebe Lehrkräfte,
werte Eltern, liebe Geschwister, liebe Verwandte und Freunde
und – ganz besonders – liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

als Elternvertreter des Abiturjahrgangs möchte ich zu Beginn meinen Glückwunsch aussprechen. Trotz der ungewöhnlichen Umstände, auf welche ich noch genauer eingehen werde, haben sämtliche Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs das Abitur bestanden. Ich denke, ich spreche im Namen aller Eltern, wenn ich sage, dass ich mächtig stolz auf euch bin – und ich hoffe, ihr selbst seid das ebenfalls. Nun sollt ihr für eure bemerkenswerten Leistungen der vergangenen Jahre entlohnt werden.

Es mag euch nicht bewusst sein, aber das Abschlusszeugnis, das ihr heute entgegennehmen werdet, zeugt von mehr als nur von hervorragenden schulischen Leistungen. Obendrein zeugt es davon, dass ihr einen langen und mitunter beschwerlichen Weg hinter euch gebracht habt, auf welchem ihr von Kindern zu jungen Erwachsenen herangereift seid. Einen Weg, den man nicht einfach so nebenbei geht. Ihr habt Ausdauer, Selbstvertrauen, Flexibilität und vor allem Zielstrebigkeit bewiesen. Für euren weiteren Lebenswandel sind diese Eigenschaften möglicherweise sogar bedeutender als die guten Noten, die ihr regelmäßig nach Hause gebracht habt. Ich hoffe, ihr verzeiht uns Eltern, dass wir euch das erst heute verraten.

Einen Punkt darf man dennoch nicht außer Acht lassen: Dieselben Noten ermöglichen es euch, eure erworbenen Fähigkeiten in Zukunft auf jede erdenkliche Weise einzusetzen. Der englische Dichter William Blake hat einmal gesagt: „Im Universum gibt es Dinge, die bekannt sind, und Dinge, die unbekannt sind, und dazwischen gibt es Türen.“ – euch stehen alle Türen offen. Ich wünsche mir, dass ihr das niemals vergesst. Nutzt die Chancen, die sich euch bieten. Nutzt sie, um die Welt zu entdecken, nutzt sie, um die Welt zu verändern. Nutzt sie aber vor allem, um eure Erfüllung zu finden. Eines ist mir nämlich besonders wichtig: dass ihr der Stimme eures Herzens folgt – ganz gleich, wohin sie euch führen mag.
Ab sofort wird euer Leben durch wesentlich mehr Eigenverantwortung geprägt sein. Trotzdem – wir als Eltern stehen auch künftig hinter euch. Egal, ob ihr den Fokus auf die Karriere oder die Familie legt, nach Großem strebt oder ein einfaches Leben führen wollt, wir sind für euch da. Wenn ihr auf einem Sportplatz glänzt oder auf der Bühne brilliert, könnt ihr euch sicher sein, dass irgendwo im Publikum eine stolze Mutter oder ein stolzer Vater viel zu laut und euphorisch jubeln wird – und wenn der Jubel euch gebührt, dann schätzt euch glücklich.

Ist euch bekannt, was aus jenem Elternteil spricht? Wahrscheinlich das eine oder andere Gläschen Champagner zu viel, okay … aber darauf möchte ich nicht hinaus. Was ich meine, ist das Wissen um die Widrigkeiten, die ihr in eurem bisherigen Leben bereits gemeistert habt. Nehmen wir eure Schulzeit als Beispiel.
Ohne die Leistungen vorangegangener oder nachfolgender Generationen schmälern zu wollen, gebührt euch größter Respekt. Vor etwa zweieinhalb Jahren hat sich ein kleines Virus in die Mitte unserer Gesellschaft geschlichen und unermessliches Chaos gestiftet. Ihr wurdet aus eurem Klassengefüge gerissen und isoliert, oder ihr saßt bei teilweise eisigen Temperaturen mit Atemschutzmasken vor weit geöffneten Fenstern, während von euch stete Aufmerksamkeit gefordert war. Im Schulgebäude galt es plötzlich, sich in vorgeschriebene Richtungen zu bewegen, und Veranstaltungen, die die Gemeinschaft stärken sollten, wurden zugunsten der Gemeinschaft abgesagt. Und ihr? Ihr habt euch damit arrangiert. Ihr habt euer Ziel im Auge behalten und nicht aufgegeben. Das lässt sich kaum genug würdigen.

Des Weiteren befinden wir uns aktuell inmitten der digitalen Zeitenwende – und ihr habt höchste Flexibilität unter Beweis gestellt. Diese Zeitenwende ging nämlich keineswegs gleichmäßig voran. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem der heute anwesenden Väter vor mehr als sechs Jahren, bei welchem wir darüber philosophiert haben, wie viele Vorteile es mit sich brächte, euch mit Tablets auszustatten. Fünf Jahre und eine Pandemie hat es gebraucht, diesen Wandel loszutreten. Dafür ging es dann Schlag auf Schlag. Ihr habt euch jedoch nicht aus dem Konzept bringen lassen.
Stattdessen habt ihr gezeigt, wie vorbildlich ihr es beherrscht, euch immer wieder auf neue Situationen und Herausforderungen einzustellen sowie in jeder Veränderung etwas Positives zu sehen. In den schnelllebigen und leider auch unruhigen Zeiten dieser Tage sind derartige Eigenschaften wertvoller denn je. Bewahrt sie euch.

ABIos Amigos“ heißt es nun, da zwölf Jahre Schule hinter euch liegen. Bei dem einen oder anderen mag es vielleicht eines mehr oder weniger gewesen sein, aber das spielt keine Rolle. Wichtig sind die Erfahrungen, die ihr währenddessen gesammelt habt, denn diese haben euer Profil geschärft und euch zu den Personen gemacht, die ihr heute seid. Jeder Mensch ist einzigartig und ich hoffe, eure bisherige Bildungslaufbahn hat dazu beigetragen, dass ihr euch eurer persönlichen Talente und Fähigkeiten bewusst werden konntet. Außerdem hoffe ich, dass ihr ungeachtet der Anstrengungen, des Stresses, womöglich auch des Bangens und der harten Abschnitte mit einem Lächeln auf den Lippen an diese bedeutsamen Jahre zurückdenken werdet.

Das Zeugnis, das man euch sogleich überreichen wird, markiert das Ende einer prägenden Ära in eurem Leben, stellt jedoch gleichzeitig den Beginn einer neuen dar. Jetzt wird es richtig spannend – und ihr habt lange auf diesen Moment hingearbeitet.
Ihr habt eine Menge gelernt, habt euch Grundlagen und teilweise schon recht fortgeschrittenes Wissen in unterschiedlichsten Bereichen angeeignet, sodass ihr nun bestens für die Zukunft gewappnet seid. Wir haben euch auf eurer Reise begleitet und eure Entwicklung hautnah miterlebt. Eine interessante, oftmals beeindruckende und immer wieder inspirierende Entwicklung. Darum möchte ich mich abschließend, nachdem ich unseren Stolz bekundet und unsere Glückwünsche ausgesprochen habe, im Namen aller Eltern bei euch bedanken – denn wir konnten unsererseits eine Menge von euch lernen: Vielen, vielen Dank, liebe Abiturientinnen und Abiturienten. Es war uns eine Ehre.

Gedichte

Du hast es mir nicht leicht gemacht
Gabst dich genügsam und bescheiden
Hättest alles, was du brauchst
Ich solle es nicht übertreiben

Aber, Lena, tut mir leid
In diesem Jahr, da zieht das nicht
Nach drei Dekaden Freundschaft
Wird es Zeit, dass man mal Klartext spricht

Glaubst du echt, ich nehm dir ab
Dass du nicht länger Träume hegst?
Dass keine Sehnsucht in dir wohnt
Nur weil du es zu sagen pflegst?

Wir beide wissen ganz genau:
Dir ist da noch ein Wunsch verblieben
Zeit, dass sich auch der erfüllt
Drum wirst du bald nach Nepal fliegen

Alles Gute zum Geburtstag!

Wir haben uns einst gut gekannt
In ungestümen Jahren
Und heut weiß nur das Gestern
Um die Freunde, die wir waren

Wir glaubten nicht an Endlichkeit
Wir dachten nicht an früher
Wir kannten nur den Augenblick
Doch zog auch er vorüber

Und immer, wenn ich niederkehre
Wenn ich mich enteine
Wenn ich dem Jetzt entsage
Spricht die Stille für uns beide

Ich lausche fremden Worten
Einer unbekannten Sprache
Doch blendet mich der Widerschein
Der nunmehr welken Tage

Ich wünsche mir Erinnerung
Die mehr als nur Vergängnis zeigt
Dass irgendwann vom Hier und Jetzt
Mehr Born als tiefe Sehnsucht bleibt
Ich wünsche mir Erinnerung
Wenn ich die Zeit nicht halten kann
Von Greis an Kind, von Baum an Keim
Von Tag an Tag, von Anfang an

Da bricht er in Gelächter aus
Der Zeitsoldat im Krankenbett:
„Mal ernsthaft, Dermatologie?
Wer braucht denn die im Lazarett?“

Doch beispielsweise in den Tropen
– Wie man an den Zahlen sieht –
Wo man sich schnell Furunkel holt
Dort schätzt man dieses Fachgebiet

Vor allem, wessen Haut bereits
Zu Hause zu Problemen neigt
Der hat in jener Klimazone
Keine allzu leichte Zeit

Denn wo die schweren Stiefel scheuern
Und die Hitze heftig drückt
Ist eine Sache ganz gewiss:
Bakterien, sie sind entzückt

Das einfache Ekzem wird so
Ganz rasch zur Superinfektion
Und unabhängig davon
Führt der Sonnenbrand zum Melanom

Und was ist denn mit den Insekten
Blasenkäfern, Flöhen, Wanzen
Larven kleiner Tumbufliegen
Die sich in der Haut verschanzen?

Wenn zu guter Letzt dann noch
Die Nesselsucht die Haut befällt
Wird klar, die Dermatologie
Die braucht es auf der ganzen Welt

Deswegen wird sie hochgeschätzt
Besonders bei der Bundeswehr
Und auch der junge Zeitsoldat
Sieht keinen Grund zu lachen mehr

Kindergeschichten

Als Mama Kim ihren Sohn Ari an diesem Nachmittag vom Kindergarten abholte, spürte er, dass
irgendetwas anders war. Die Sonne schien und wie jeden Tag erzählte er ihr, was er heute alles
erlebt hatte. Plötzlich aber verdunkelte sich der Himmel schlagartig. Wo denn auf einmal die
Wolken herkamen, fragte sich Ari. Er schaute nach oben, allerdings war der Himmel noch immer
wolkenlos.
„Hast du das auch gesehen, Mama?“, fragte er seine Mutter.
„Was meinst du denn?“, wollte Mama Kim wissen.
„Es ist doch gerade total dunkel geworden!“, meinte Ari aufgeregt. „Das musst du doch bemerkt
haben!“
„Vielleicht ist ja ein Flugzeug über unsere Köpfe gerauscht“, sagte seine Mutter.
„Nein, das hätten wir doch gehört“, erwiderte er.
„Hm, dann weiß ich auch nicht.“
Als die beiden ihre Straße erreicht hatten und das Haus schon sehen konnten, verdunkelte sich
der Himmel erneut. Diesmal bemerkte Ari, dass da ein gigantischer Schatten über sie hinweg
gehuscht war. Noch bevor er nachsehen konnte, was diesen Schatten verursacht hatte, hörte er
einen markerschütternden Schrei und zuckte zusammen. Das war kein menschlicher Schrei
gewesen, vielmehr klang das Geräusch nach einem Vogel – nur um einiges lauter. Er blickte zum
Himmel und traute seinen Augen kaum: Ein riesiger Pteranodon kreiste über ihrem Haus!
Ari war total verblüfft. „Mama, Mama, siehst du das auch?“
Seine Mutter schien ihn jedoch gar nicht zu hören.
„Mama, schau doch, da oben über unserem Haus!“ Ari zog seine Mutter am Arm.
Auf einmal bebte die Erde und ein ohrenbetäubendes Brüllen drang aus der Richtung, aus der
sie gekommen waren. Jetzt verstand Ari, warum seine Mutter so abgelenkt war. Auf dem
Sportplatz vor dem Kindergarten trampelte doch wirklich ein gigantischer T-Rex herum!
„Schnell, wir müssen hier weg!“ Ari verstand die Welt nicht mehr. Konnte es vielleicht sein, dass
er träumte? Er zwickte sich in den Arm, doch er wachte nicht auf. Nein, das zwickte wirklich! Ari
war verwirrt. Um darüber nachzudenken, hatte er allerdings nicht lange Zeit, denn kurz darauf
schrie seine Mutter: „Vorsicht, Ari!“
Ari sah, warum sie so erschrocken klang. Von dort, wohin sie zeigte, kam donnernd ein
Triceratops angerast.
Gerade noch rechtzeitig sprangen er und seine Mutter aus der Bahn des Dinosauriers, der mit
voller Geschwindigkeit gegen die Hauswand krachte und mit seinen Hörnern in der Mauer
steckenblieb. Jetzt aber nichts wie weg!, dachte Ari.
Er nahm seine Mutter an der Hand und rannte los, fort von dem T-Rex und dem jaulenden
Triceratops. In der Ferne sah er ein paar Stegosaurier gemächlich über die Felder traben – sogar
ein kleines Stegosaurier-Kind hatten sie dabei. Wobei „klein“ nicht ganz das richtige Wort war,
immerhin war der junge Stegosaurus sehr viel größer als Oma Marion. Moment einmal – als Oma
Marion? Tatsächlich! Offenbar hatte sich Oma Marion mit den Vierbeinern angefreundet!
„Oma Marion!“, rief Ari, während er und seine Mutter sich ihnen näherten. „Was machst du
denn hier?“
„Das wollte ich dich gerade fragen, Ari“, sagte seine Großmutter lachend. „Schau mal, das sind
meine neuen Freunde. Total liebe Tiere!“
„Ich will ja nicht stören, aber ich weiß nicht, ob das die richtige Zeit für eine Vorstellungsrunde
ist“, sagte Mama Kim panisch. „Seht mal, dort.“ Sie zeigte zu dem tobenden Tyrannosaurus. Er
hatte sie offensichtlich entdeckt und es auf sie abgesehen, denn mit gesenktem Schädel stürmte er
auf sie zu.
„Oje, was machen wir jetzt nur?“, schrie Oma Marion.
Plötzlich huschte wieder ein Schatten über sie hinweg. Inzwischen wusste Ari, was das bedeuten
musste, also suchte er auf der Stelle den Himmel ab. Da! Wie erwartet war ihnen der Pteranodon
von vorhin gefolgt – und gleich sollten sie erfahren, weshalb.
„Hey, ihr da unten!“, rief eine vertraute Stimme.
Unglaublich, aber auf dem Rücken des Flugsauriers saß Opa Bernhard!
„Wie kommst du denn hierher?“, fragte Mama Kim neugierig und erleichtert zugleich.
Er landete und half jedem von ihnen auf den Rücken des Sauriers. Direkt danach hoben sie
gemeinsam ab. „Verrückte Geschichte!“, sagte Opa Bernhard. „Eigentlich wollte ich Ari
überraschen und ihn vom Kindergarten abholen. Dort wurde mir aber gesagt, dass du das schon
getan hättest. Als ich mich dann auf den Rückweg machte, hat mich wie aus dem Nichts dieser wild
gewordene T-Rex angegriffen. Der gute Kerl hier hat mich gerettet!“ Er klopfte dem Pteranodon
liebevoll auf den Rücken.
„Hey, auch ich wollte Ari überraschen!“, sagte Oma Marion.
„Merkwürdig“, stellte Mama Kim fest.
„Ari, Ari!“
„Habt ihr das auch gehört?“, fragte Mama Kim. „Diese Stimme kenne ich doch.“
„Das kam von da unten!“, sagte Ari aufgebracht. „Das ist Ole!“
Unter ihnen, genau dort, wo der T-Rex wütete, versuchte Ole verzweifelt, sich in Sicherheit zu
bringen – und er war nicht allein. Ein weiterer Junge und ein Mädchen waren bei ihm.
„Ben und Brianna sind auch da unten“, sagte Ari. „Wir müssen etwas tun!“
„Jetzt passt mal auf.“ Opa Bernhard klopfte dreimal schnell hintereinander auf den Rücken des
Pteranodons. „Festhalten!“, rief er laut.
Sofort setzte der Saurier zum Sinkflug an.
„Das kribbelt fast wie in der Schiffschaukel“, lachte Ari.
Sie flogen direkt unter dem Tyrannosaurus hindurch, ganz knapp am Boden vorbei, sodass sich
Ole, Ben und Brianna mit einem gezielten Sprung auf den Pteranodon retten konnten.
„Danke, Leute!“, sagte Ole.
„Kein Problem“, entgegnete Ari, „so macht man das unter Freunden, oder?“
„Wie konnte das denn passieren?“, fragte Mama Kim die geretteten Kinder.
„Ich weiß es auch nicht“, antwortete Brianna. „Wir wurden vom Kindergarten abgeholt und auf
einmal war alles voller Dinosaurier.“
„Heißt das etwa, eure Eltern sind auch noch irgendwo in der Nähe?“, fragte Oma Marion
besorgt.
„Oh nein, die habe ich vor lauter Schreck ja ganz vergessen!“, sagte Ben.
„Kein Grund zur Sorge“, sagte Ari und deutete auf den Weg vor dem Kindergarten. Dort standen
die Eltern von Ole, Brianna und Ben und winkten erleichtert.
„Puh, ein Glück“, zeigte sich auch Oma Marion beruhigt. „Aber damit ist immer noch nicht
geklärt, was hier eigentlich los ist.“
„Na ja, überlegt doch mal“, begann Mama Kim. „Jeder von uns hat den Kindergarten durch
dieselbe Tür verlassen.“
„Die Kindergartentür ist ein Portal!“, entfuhr es Ari.
„Exakt das glaube ich auch“, pflichtete Mama Kim ihm bei.
„Das hieße, dass wir einfach nur den Kindergarten betreten müssten, und alles wäre wie zuvor“,
sagte Oma Marion.
„Lasst es uns herausfinden“, sagte Opa Bernhard und klopfte dreimal schnell auf den Rücken
des Pteranodons. Dieser setzte zum Sturzflug an, bremste aber rechtzeitig, bevor sie auf den
Boden knallten, ab. So landeten sie sanft vor dem Kindergarten.
„Ich gehe zuerst“, sagte Ari mutig.
„Wir gehen zusammen“, widersprach Ole.
Ari schaute ihn verdutzt an.
„Was denn?“, fragte Ole. „So macht man das unter Freunden, oder?“
Ari lächelte. Er verabschiedete sich von dem Pteranodon, indem er dessen Kopf tätschelte, und
brachte sich dann in Position. „Bereit, Ole?“
Ole nickte.
„Okay, dann auf drei. Eins … zwei … drei!“
Die beiden Jungen rannten furchtlos durch die offenstehende Kindergartentür und … verschwanden!
Der Rest der Gruppe sah sich verblüfft um. Sie warteten einen Augenblick ab, dann rannten sie
alle nacheinander durch die Tür. Opa Bernhard kam als Letzter in den Kindergarten gestolpert und
hinter ihm krachte es gewaltig – das Glas in der Eingangstür zerbrach in tausend Teile.
„Das bedeutet wohl, dass sich das Portal geschlossen hat“, vermutete Oma Marion.
„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.“ Ohne zu zögern nahm Ole Anlauf und sprang über
den Scherbenhaufen nach draußen.
Die anderen waren schockiert.
„Alles in Ordnung, keine Dinos zu sehen.“
„Mach so etwas Unüberlegtes nie wieder!“, sagte Ari. „Wir können dich nicht immer retten.“
„Tut mir leid, kommt nicht wieder vor“, versicherte Ole.
„Lasst uns jetzt nicht streiten“, sagte Oma Marion. „Wollen wir uns nicht viel lieber freuen, dass
wir dieses Abenteuer alle unbeschadet überstanden haben?“
„Na ja“, meinte Ari, „wir schon …“ Er machte eine kurze Pause. „Aber erzähl das mal dieser Tür!“
Und unter großem Gelächter trat die Gruppe den Heimweg an.

Blogbeiträge und Kolumnen

Eine verrückte Zeit muss das gewesen sein, in der man das Internet daheim gelassen hat, wenn man sich auf Reisen begab. Oder einfach nur zum Supermarkt. Mein Kopf möchte mir vorgaukeln, ich hätte eine solche Zeit miterlebt, aber ich glaube, er lügt. Wahrscheinlich bringt er da selbst etwas durcheinander, vermischt Träume und adaptierte Erinnerungen und verklärt die scheinbar rosige Vergangenheit. Kann nämlich gar nicht sein. Eine Realität ohne absolute Erreichbarkeit? Zu lange her, als dass irgendjemand, der noch heute unter den Lebenden weilt, davon berichten könnte.

Frei oder abhängig?

Fokussieren wir uns also auf das Hier und Jetzt. Die Frage ist doch, wie wir damit umgehen. Nutzen wir die Möglichkeiten, die das Leben in der Zukunft uns bietet, oder machen wir uns davon abhängig? Ich tue Letzteres, aber das bleibt mein Geheimnis. Freiheit und Komfort klingen schöner als Abhängigkeit. Ich genieße es, ausufernde Gespräche zu führen, komme jedoch nur noch selten dazu, weil ich ausufernde Gespräche führe. Und so hakt man irgendwann bloß noch Aufgaben ab, anstatt an Dialogen mit Mehrwert zu wachsen. Raum für aufrichtiges Interesse ist dieser Tage knapp – und die Mietpreise explodieren.

Klar, ganz aus der Luft gegriffen ist das mit dem Komfort nicht. Ich trage das umfassendste Allgemeinwissen der Geschichte in der Hosentasche. Oder – seien wir ehrlich – ich halte es in der Hand. Aber brauche ich das? Wie war das noch gleich mit dem aufrichtigen Interesse? Könnt ihr die letzten fünf Dinge nennen, die ihr recherchiert habt? Und dann auch noch von den Ergebnissen berichten? Ich bin mir recht sicher, dass ich kein Melanom, sondern lediglich einen Bluterguss unter dem Zehennagel habe, aber vom Rest weiß ich nicht mehr viel. Ist allerdings auch gar nicht so wichtig, bei Bedarf kann ich ja erneut googeln.

Die Verantwortung für sich selbst

Die Mietpreise schnellen in die Höhe, in Ordnung, doch Zeit ist unbezahlbar. Würde mir jetzt bitte jemand verraten, woher die Idee kam, Erfüllung mit Quantität gleichzusetzen? Vielleicht besser, es nicht zu erfahren, denn mir schwant eine unangenehme Erkenntnis … und wer hat heutzutage schon noch die Kapazität, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen?

Manche Menschen sind es gewohnt, dass es mitunter eine Weile dauern kann, bis ich antworte. Wenn ich denn überhaupt etwas zu sagen habe. Das sind die, bei denen mich nicht das bizarre Gefühl beschleicht, wir hätten einen unausgesprochenen Pakt geschlossen – oder der Pakt wurde bereits annulliert. Alle anderen werden sich daran gewöhnen müssen. Ich hole mir jetzt meine Selbstbestimmung zurück. Zu dem Thema findet man doch sicher ein paar Tutorials auf Youtube, oder?

Ab wann macht uns das, was wir gerne – und vielleicht noch mit einer gewissen Begabung – tun, zu einem Künstler? Ab wann ist jemand, der malt, ein Maler? Jemand, der schreibt, ein Autor? Ab wann ist jemand, der singt, ein Sänger? Wer bestimmt darüber? Die Kunstpolizei? Und vor allem: Ist das wirklich wichtig?

Meiner Meinung nach werden wir in dem Augenblick zum Künstler, in dem wir beginnen, etwas mit Hingabe zu tun. Sobald es nicht mehr aufzuhalten ist, es quasi aus uns hinausdrängt.

Eigentlich sollte sich Begabung nicht an Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Lobhudelei orientieren. Schwierig, ich weiß. Zu viele Meinungen zerren an den Herzensprojekten. Auch „je schräger, desto künstlerischer“ sollte nicht der Leitsatz sein. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die zeitgenössische Kunst besonders bizarr sein muss, gar hässlich, um überhaupt als solche zu gelten. Je disharmonischer, desto gefeierter.

Das könnte ein gewisser Trost für Menschen sein, die nicht unbedingt den Anspruch haben zu verstören oder ausgefallen zu sein: Geduldet euch noch ein bisschen und ihr seid der Off-Mainstream. Aber zurück zum eigenen Talent.

An erster Stelle steht wahrscheinlich die Erkenntnis, dass man etwas gern macht und es dem Umfeld im besten Fall angenehm oder mit beeindruckender Wirkung auffällt – doch schnell fängt der Kopf an, Fragen zu formulieren: Darf ich das? Kann ich das? Werde ich dafür kritisiert oder bejubelt?

Später kommt dann hinzu: Verdiene ich vielleicht Geld damit? Kann ich mit anderen, die das Gleiche tun, mithalten? Bediene ich die Masse oder eine Nische? Könnte ich mich im Wettbewerb messen? Habe ich ein Alleinstellungsmerkmal, eine Aussage, die weltverändernd wirkt, oder will ich einfach nur unterhalten?

Wie unnötig diese Fragen eigentlich sind … aber der Mensch wird nicht müde, sie sich immer wieder zu stellen. Nichts bringt Musen schneller von ihrer Arbeit ab als Unsicherheit und Angst. Angst wovor eigentlich? Vor der Meinung anderer? Wir werden einfach nicht klüger.

Als Beispiel kann ich meine eigene Geschichte anbringen. Ich habe sehr früh begonnen, Gedichte zu verfassen, zaghafte erste Gehversuche in Sachen „Schreibkunst“. Von der Literaturszene würden sie mit Sicherheit als banal eingestuft werden, als gedankliche Ergüsse eines Teenagers eben. Das ist mir mittlerweile sowas von egal. Ich liebe sie mit Herzblut, sie sind meine Erstgeborenen, die mir den Weg zu ungebremster Schreibfreude und sogar zu einem Buch geebnet haben.

Dazwischen aber habe ich mich gequält. Das Schreiben war blockiert und ich völlig lustlos – bis ich genannte Fragen aus meinen Gedanken gestrichen habe. Ab jenem Zeitpunkt war die Kreativität in mir entfesselt … und die Freude ebenso. Vor allem die.

Schreiberisch habe ich mich mittlerweile ein wenig von der Lyrik entfernt. Bedingt durch die Lust, über das Leben und die Menschen zu philosophieren, hatte ich zu viele Gedanken im Kopf, um sie in gekürzte Versionen pressen zu können. Ich wollte in geschriebenen Worten nachdenken und Geschichten erzählen. Diesmal stelle ich es bloß ins Netz. Lesen darf es jeder, gezwungen wird niemand. Schreiben, nur um des Schreibens willen. Herrlich.

Wer weiß, vielleicht veröffentliche ich irgendwann auch mal ein E-Book. Keimt als kleine Idee und darf als solche in mir hausen. Ich habe einen gedanklichen Vertrag mit mir geschlossen, der besagt, dass ich eines Tages darauf zurückgreifen darf. Ein Zwang besteht allerdings nicht.

Schreibt, malt, singt, spielt und seid mutig, es für gut genug zu befinden! Wir sind nicht erst dann Autoren, wenn wir verkauft werden oder man uns verlegt. Wir sind nicht erst Maler, wenn wir Galerien füllen und die Prominenz auf unseren Vernissagen erscheint. Niemand muss am Burgtheater spielen, um als Ausnahmeschauspieler zu gelten. Kein „Fachmann“ – auch bekannt als „Kulturkritiker“ – soll sich erdreisten zu beurteilen, ob unser Schaffen und Wirken als Literatur oder Kunst durchgeht oder nicht. Alles darf, solange es nicht moralisch fragwürdig wird, der Rest ist einfach Geschmackssache und entzieht sich jeder Bewertung.

Lasst die Menschen einfach selbst entscheiden, ob sie es mögen. Man wird spüren, was ihr mit Liebe macht, was authentisch ist, unverkrampft und frei – und dann habt ihr das Publikum, das euch verdient.

(Ausgangstext: Heidi Kurcsis)

Ich finde Ruinen faszinierend. Es mag befremdlich klingen, aber für mich sind die anmutigsten Städte jene, welche dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen sind. Wenn die Natur wieder die Oberhand gewinnt und nach und nach sämtliche Mauern einreißt, zeigt sich das wundervolle Gesicht des Verfalls – Endlichkeit in seiner schönsten Form.

Fragt mich nicht, warum, doch mit lebendigen Städten kann ich eher wenig anfangen. Noch nie bin ich durch belebte Gassen gezogen und habe so etwas wie einen Zauber verspürt. Die Bauwerke können vor Jahrhunderten errichtet worden sein, solange sie aber entweder bewohnt oder genutzt werden, bergen sie für mich keinen Reiz. Die obligatorischen Ausnahmen stellen abseits gelegene Burgen und Schlösser dar. Ich schätze, dass diese schlicht eine grundsätzliche Aura vergangener Zeiten umgibt.

Nun ist es allerdings nicht so, dass ich ausschließlich an der Vergänglichkeit Gefallen finde, denn Vergänglichkeit und Neubeginn gehen Hand in Hand. Der Anblick moosüberwucherter Ruinen löst in mir vielmehr ein Gefühl der Ruhe und der Hoffnung aus. Wenn die Stille einkehrt, kehrt der Frieden wieder. Gleichzeitig fesseln solche Plätze und regen die Vorstellungskraft an.

Wenn ihr euch gerade im Inneren eines Gebäudes befindet, versucht einmal, euch bewusst zu machen, dass auch die Mauern, die euch umgeben, nicht von Bestand sein werden. Es mag Jahre, Jahrzehnte oder Jahrtausende dauern, früher oder später liegen sie jedoch entweder in Trümmern oder am Grunde eines Ozeans … sofern sie nicht mit einem einzigen Schlag vom Erdboden getilgt werden.

Die Ruinen, die verlassenen und vergessenen Orte, die das Antlitz unseres Planeten zieren, erzählen Geschichten. Menschen haben dort gelebt. Es ist nicht leicht, sich das vor Augen zu führen. Das Leben dort hat sich so real angefühlt, wie es das unsere tut – weil es real war. Jede Vergangenheit war einmal die Gegenwart, und auch die Zukunft wird irgendwann vorüber sein. Doch wenigstens bis ans Ende aller Tage wird dem Heute ein Morgen folgen. Und das ist ein erbaulicher Gedanke, oder geht es nur mir so?

Um ganz im Heute leben zu können, muss man seine Vergangenheit abstreifen und sich von allem trennen, was nicht wirklich von Wert ist. Nur auf diese Weise lassen sich die alten Muster und verkrusteten Strukturen auflösen, die sich über die Jahre in uns angesammelt haben und uns nunmehr blockieren. Wie jedoch schafft man es, seine Vergangenheit loszuwerden – oder zumindest ihre belastenden Anteile? Induzierte Amnesie? Existiert so etwas überhaupt?

Keine Angst, ich habe nicht vor, von Elektroden am Kopf oder toxischen Cocktails zu erzählen; mein Lösungsansatz ist ein ebenso simpler wie ungefährlicher.

Der von mir hochgeachtete Schriftsteller Paulo Coelho ließ diese Methode einen kasachischen Schamanen erklären. So habe ich von ihr erfahren. Wer sie letztendlich erfunden hat, ist mir unbekannt – doch am wichtigsten ist ohnehin, dass sie tatsächlich wirkt. Ja, obgleich ich die Methode für meine Zwecke aus praktischen Gründen ein wenig abgewandelt habe, kann ich das bestätigen. Aber beginnen wir am Anfang.

Um sich weiterzuentwickeln, muss sich der Mensch geistig bewegen. Wenn er allerdings stets sein komplettes bisheriges Leben hinter sich herzerren muss, kommt er entweder nur äußerst mühsam oder überhaupt nicht voran. Das Ablegen des Gewesenen ist also zwingend notwendig, um Platz für Neues zu schaffen und unbeschwert seinem Weg folgen zu können. Wie aber kann man die persönliche Vergangenheit ablegen, seine ureigene Geschichte, wo wir doch alle wissen, wie schwer es fällt loszulassen?

Der Schamane sagt, man müsse laut davon erzählen – immer wieder und bis in die kleinsten Details. Dabei verabschiede man sich von dem, was man einmal gewesen sei und öffne Räume für eine neue, unbekannte Welt. Man solle seine alten Geschichten so lange erzählen, bis sie für einen selbst nicht mehr von Bedeutung seien.

Da stellt sich die Frage, ob man so nicht auch das Risiko eingeht, wichtige Erinnerungen und wertvolle Erfahrungen zu verlieren. Der Schamane verneint das: Die wichtigen Dinge blieben immer erhalten – verschwinden würden nur solche, die wir fälschlicherweise für wichtig erachteten.

Das hat mich nachdenklich gestimmt. In der Tat ist es so, dass wir permanent kostbare Lebensenergie aufwenden, um zu beobachten, zu überwachen und zu steuern, was die Aufmerksamkeit schlichtweg nicht wert ist. Dinge, die vielleicht früher einmal relevant für uns waren, uns heute aber maximal peripher berühren oder unser Leben gar vollends verlassen haben. Das Niederlegen dieser Verhaltensweise stelle ich mir zweifellos als großen Gewinn vor, doch lässt sich so etwas wirklich durch reines Erzählen bewerkstelligen? Und warum laut? Wer sollte das Publikum sein? Und wer ist schon bereit, sein Innerstes vor Publikum nach außen zu kehren?

An dieser Stelle verlasse ich den Weg des Schamanen. Ich sitze nicht des Nachts an einem Lagerfeuer in der kasachischen Steppe und blicke in die erwartungsvoll geöffneten Augen meiner Stammesmitglieder, die nur darauf warten, immer und immer wieder dieselben alten Geschichten zu hören. Nichtsdestoweniger verspüre ich tief in mir das Gefühl, dass an dieser Methode etwas dran sein könnte – etwas, das tatsächlich funktioniert.

Schon vor langer Zeit habe ich an mir selbst ein Phänomen beobachtet, das vermutlich jeder Hirnforscher mit wenigen Worten wissenschaftlich erklären könnte. Ich kann das nicht, doch das ändert nichts daran, dass ich es für mich als ungemein bedeutend erachte.

Es fing damit an, dass ich mein alltägliches Denken genauer unter die Lupe nahm. Da waren zig Stimmen in mir, die munter durcheinanderplapperten, sich stritten, verbündeten und erneut zu streiten begannen. Jede Stimme beharrte auf ihrer Meinung – mal inbrünstig und dominant, dann wieder zurückhaltend und kleinlaut. Manchmal verstummten sie so unvermittelt, wie sie aufgetaucht waren. Konnte es im Kopf eines halbwegs intelligenten Menschen wirklich derart chaotisch zugehen? Und ob es das konnte!

Dann allerdings bemerkte ich Folgendes: Sobald ich versuchte, mich zu artikulieren, verlor das Stimmenchaos an Intensität und eine gewisse Ordnung hielt Einzug. Beinahe so, als müssten sich die Stimmen der einzelnen Gedanken vor dem Sprachzentrum in einer Schlange anstellen und darauf warten, sich zu echten Worten entwickeln zu dürfen. Und dort – am Eingang des Sprachzentrums – schien ein Wächter zu stehen, der nur die wesentlichsten Gedanken passieren ließ und die für brauchbar befundenen obendrein anwies, sich diszipliniert aneinanderzureihen.

Ihr werdet euch jetzt vielleicht fragen, was all das mit dem Schamanen zu tun hat. Nun, ganz einfach: Wer glaubt, im Klartext zu denken, der irrt. Nur das Sprechen sowie das Schreiben erfolgen im Klartext. In diesem Fall bedeutet das, seine Gedanken in einer sinnvollen und wohlstrukturierten Kette aufzureihen und anschließend zu verbalisieren. Kein Vergleich also zur Gedankensuppe, die da sonst quer durch unsere Hirne geistert.

Letztlich soll der Rat des Schamanen nichts anderes bewirken, als dass wir unsere Lebensgeschichte in ebensolch klare Strukturen bringen und den Torwächter am Sprachzentrum seines Amtes walten lassen. Dieser trennt nämlich die Spreu vom Weizen, sprich die wichtigen von den unwichtigen Dingen in unserem Erfahrungsschatz.

Je öfter und intensiver wir das tun, desto deutlicher werden wir den Aufräumeffekt wahrnehmen. Mit einigem Training lässt sich sogar das wilde Geplapper im Kopf abstellen, da wir irgendwann tatsächlich Klartext denken. Anbei bemerkt hat das einen großartigen Nebeneffekt: Denken im Klartext mag zwar anfangs, wenn man noch nicht über ausreichend Übung verfügt, recht anstrengend sein, wird mit der Zeit aber immer einfacher – bis einem schließlich bewusst wird, welche Kraft es zuvor gekostet hat, sich unentwegt mit jenem bunten Stimmenchaos auseinanderzusetzen. An diesem Punkt ist man in der Lage, Neues mit ungekanntem Elan anzugehen oder sich schlicht und ergreifend in völliger Gelassenheit zu entspannen.

Wer mir bis hierher folgen konnte, würde jetzt wahrscheinlich gerne wissen, wo er den geeigneten Platz für sein tägliches Lagerfeuer sowie die passende Zuhörerschaft finden soll. In Wirklichkeit bedarf es jedoch weder eines Feuers noch eines Auditoriums. Der Schamane wählte das laute Sprechen nur, weil er weder Laptop noch Internet kannte, denn die Prozesse, die beim Sprechen und beim Schreiben im Hirn ablaufen, sind sich ganz schön ähnlich: Beides macht von den Funktionen des Sprachzentrums Gebrauch. Wer also nicht sprechen kann – oder wem keiner mehr zuhört –, der kann einfach aufs Schreiben zurückgreifen.

Also los, schreibt eure Geschichten auf, detailliert und immer wieder – so lange, bis euch alles Unwesentliche und Belastende verlassen hat und Platz für Neues geschaffen wurde. Füllt Tagebücher mit Erinnerungsgeschichten, schreibt euren Freunden und Vertrauten, bringt all das zu Papier, was euch in der Vergangenheit beschäftigt hat. Bloggt über euer altes Leben und über das neue gleich mit. Verfasst endlose Mails oder einfach nur Texte für euch selbst. Vertraut euch den Worten an!

„Moment einmal, Texte nur für einen selbst?“, höre ich euch nun fragen – und kann das mit einem deutlichen „Ja!“ beantworten. Ich verrate euch nämlich noch etwas: Natürlich ist es schön, wenn ihr für eure zukünftigen Werke auch Leser findet und mit Feedback rechnen könnt, erforderlich ist das allerdings nicht. Der entscheidende Prozess vollzieht sich in euch selbst, in eurem Inneren. Wichtig ist nur, dass ihr eure Erzählungen detailgetreu und ehrlich gestaltet, keinen Bogen um unschöne Themen macht und auch weniger angenehme Lebensbereiche nicht auslasst.

Ich wünsche euch viel Erfolg dabei!

(Ausgangstext: Frank Schreiner)

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