Beispiele

Bei den bereitgestellten Beispielen handelt es sich um Werke, die ich nach unterschiedlichsten Vorgaben selbst verfasst oder überarbeitet habe. In jedem Fall ist mir wichtig, dass sie meinen Stil gebührend repräsentieren. Texte, welche ich lediglich korrigiert habe, liste ich hier nicht auf.

Blogbeiträge und Kolumnen

Eine verrückte Zeit muss das gewesen sein, in der man das Internet daheim gelassen hat, wenn man sich auf Reisen begab. Oder einfach nur zum Supermarkt. Mein Kopf möchte mir vorgaukeln, ich hätte eine solche Zeit miterlebt, aber ich glaube, er lügt. Wahrscheinlich bringt er da selbst etwas durcheinander, vermischt Träume und adaptierte Erinnerungen und verklärt die scheinbar rosige Vergangenheit. Kann nämlich gar nicht sein. Eine Realität ohne absolute Erreichbarkeit? Zu lange her, als dass irgendjemand, der noch heute unter den Lebenden weilt, davon berichten könnte.

Frei oder abhängig?

Fokussieren wir uns also auf das Hier und Jetzt. Die Frage ist doch, wie wir damit umgehen. Nutzen wir die Möglichkeiten, die das Leben in der Zukunft uns bietet, oder machen wir uns davon abhängig? Ich tue Letzteres, aber das bleibt mein Geheimnis. Freiheit und Komfort klingen schöner als Abhängigkeit. Ich genieße es, ausufernde Gespräche zu führen, komme jedoch nur noch selten dazu, weil ich ausufernde Gespräche führe. Und so hakt man irgendwann bloß noch Aufgaben ab, anstatt an Dialogen mit Mehrwert zu wachsen. Raum für aufrichtiges Interesse ist dieser Tage knapp – und die Mietpreise explodieren.

Klar, ganz aus der Luft gegriffen ist das mit dem Komfort nicht. Ich trage das umfassendste Allgemeinwissen der Geschichte in der Hosentasche. Oder – seien wir ehrlich – ich halte es in der Hand. Aber brauche ich das? Wie war das noch gleich mit dem aufrichtigen Interesse? Könnt ihr die letzten fünf Dinge nennen, die ihr recherchiert habt? Und dann auch noch von den Ergebnissen berichten? Ich bin mir recht sicher, dass ich kein Melanom, sondern lediglich einen Bluterguss unter dem Zehennagel habe, aber vom Rest weiß ich nicht mehr viel. Ist allerdings auch gar nicht so wichtig, bei Bedarf kann ich ja erneut googeln.

Die Verantwortung für sich selbst

Die Mietpreise schnellen in die Höhe, in Ordnung, doch Zeit ist unbezahlbar. Würde mir jetzt bitte jemand verraten, woher die Idee kam, Erfüllung mit Quantität gleichzusetzen? Vielleicht besser, es nicht zu erfahren, denn mir schwant eine unangenehme Erkenntnis … und wer hat heutzutage schon noch die Kapazität, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen?

Manche Menschen sind es gewohnt, dass es mitunter eine Weile dauern kann, bis ich antworte. Wenn ich denn überhaupt etwas zu sagen habe. Das sind die, bei denen mich nicht das bizarre Gefühl beschleicht, wir hätten einen unausgesprochenen Pakt geschlossen – oder der Pakt wurde bereits annulliert. Alle anderen werden sich daran gewöhnen müssen. Ich hole mir jetzt meine Selbstbestimmung zurück. Zu dem Thema findet man doch sicher ein paar Tutorials auf Youtube, oder?

Ich finde Ruinen faszinierend. Es mag befremdlich klingen, aber für mich sind die anmutigsten Städte jene, welche dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen sind. Wenn die Natur wieder die Oberhand gewinnt und nach und nach sämtliche Mauern einreißt, zeigt sich das wundervolle Gesicht des Verfalls – Endlichkeit in seiner schönsten Form.

Fragt mich nicht, warum, doch mit lebendigen Städten kann ich eher wenig anfangen. Noch nie bin ich durch belebte Gassen gezogen und habe so etwas wie einen Zauber verspürt. Die Bauwerke können vor Jahrhunderten errichtet worden sein, solange sie aber entweder bewohnt oder genutzt werden, bergen sie für mich keinen Reiz. Die obligatorischen Ausnahmen stellen abseits gelegene Burgen und Schlösser dar. Ich schätze, dass diese schlicht eine grundsätzliche Aura vergangener Zeiten umgibt.

Nun ist es allerdings nicht so, dass ich ausschließlich an der Vergänglichkeit Gefallen finde, denn Vergänglichkeit und Neubeginn gehen Hand in Hand. Der Anblick moosüberwucherter Ruinen löst in mir vielmehr ein Gefühl der Ruhe und der Hoffnung aus. Wenn die Stille einkehrt, kehrt der Frieden wieder. Gleichzeitig fesseln solche Plätze und regen die Vorstellungskraft an.

Wenn ihr euch gerade im Inneren eines Gebäudes befindet, versucht einmal, euch bewusst zu machen, dass auch die Mauern, die euch umgeben, nicht von Bestand sein werden. Es mag Jahre, Jahrzehnte oder Jahrtausende dauern, früher oder später liegen sie jedoch entweder in Trümmern oder am Grunde eines Ozeans … sofern sie nicht mit einem einzigen Schlag vom Erdboden getilgt werden.

Die Ruinen, die verlassenen und vergessenen Orte, die das Antlitz unseres Planeten zieren, erzählen Geschichten. Menschen haben dort gelebt. Es ist nicht leicht, sich das vor Augen zu führen. Das Leben dort hat sich so real angefühlt, wie es das unsere tut – weil es real war. Jede Vergangenheit war einmal die Gegenwart, und auch die Zukunft wird irgendwann vorüber sein. Doch wenigstens bis ans Ende aller Tage wird dem Heute ein Morgen folgen. Und das ist ein erbaulicher Gedanke, oder geht es nur mir so?

Ab wann macht uns das, was wir gerne – und vielleicht noch mit einer gewissen Begabung – tun, zu einem Künstler? Ab wann ist jemand, der malt, ein Maler? Jemand, der schreibt, ein Autor? Ab wann ist jemand, der singt, ein Sänger? Wer bestimmt darüber? Die Kunstpolizei? Und vor allem: Ist das wirklich wichtig?

Meiner Meinung nach werden wir in dem Augenblick zum Künstler, in dem wir beginnen, etwas mit Hingabe zu tun. Sobald es nicht mehr aufzuhalten ist, es quasi aus uns hinausdrängt.

Eigentlich sollte sich Begabung nicht an Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Lobhudelei orientieren. Schwierig, ich weiß. Zu viele Meinungen zerren an den Herzensprojekten. Auch „je schräger, desto künstlerischer“ sollte nicht der Leitsatz sein. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die zeitgenössische Kunst besonders bizarr sein muss, gar hässlich, um überhaupt als solche zu gelten. Je disharmonischer, desto gefeierter.

Das könnte ein gewisser Trost für Menschen sein, die nicht unbedingt den Anspruch haben zu verstören oder ausgefallen zu sein: Geduldet euch noch ein bisschen und ihr seid der Off-Mainstream. Aber zurück zum eigenen Talent.

An erster Stelle steht wahrscheinlich die Erkenntnis, dass man etwas gern macht und es dem Umfeld im besten Fall angenehm oder mit beeindruckender Wirkung auffällt – doch schnell fängt der Kopf an, Fragen zu formulieren: Darf ich das? Kann ich das? Werde ich dafür kritisiert oder bejubelt?

Später kommt dann hinzu: Verdiene ich vielleicht Geld damit? Kann ich mit anderen, die das Gleiche tun, mithalten? Bediene ich die Masse oder eine Nische? Könnte ich mich im Wettbewerb messen? Habe ich ein Alleinstellungsmerkmal, eine Aussage, die weltverändernd wirkt, oder will ich einfach nur unterhalten?

Wie unnötig diese Fragen eigentlich sind … aber der Mensch wird nicht müde, sie sich immer wieder zu stellen. Nichts bringt Musen schneller von ihrer Arbeit ab als Unsicherheit und Angst. Angst wovor eigentlich? Vor der Meinung anderer? Wir werden einfach nicht klüger.

Als Beispiel kann ich meine eigene Geschichte anbringen. Ich habe sehr früh begonnen, Gedichte zu verfassen, zaghafte erste Gehversuche in Sachen „Schreibkunst“. Von der Literaturszene würden sie mit Sicherheit als banal eingestuft werden, als gedankliche Ergüsse eines Teenagers eben. Das ist mir mittlerweile sowas von egal. Ich liebe sie mit Herzblut, sie sind meine Erstgeborenen, die mir den Weg zu ungebremster Schreibfreude und sogar zu einem Buch geebnet haben.

Dazwischen aber habe ich mich gequält. Das Schreiben war blockiert und ich völlig lustlos – bis ich genannte Fragen aus meinen Gedanken gestrichen habe. Ab jenem Zeitpunkt war die Kreativität in mir entfesselt … und die Freude ebenso. Vor allem die.

Schreiberisch habe ich mich mittlerweile ein wenig von der Lyrik entfernt. Bedingt durch die Lust, über das Leben und die Menschen zu philosophieren, hatte ich zu viele Gedanken im Kopf, um sie in gekürzte Versionen pressen zu können. Ich wollte in geschriebenen Worten nachdenken und Geschichten erzählen. Diesmal stelle ich es bloß ins Netz. Lesen darf es jeder, gezwungen wird niemand. Schreiben, nur um des Schreibens willen. Herrlich.

Wer weiß, vielleicht veröffentliche ich irgendwann auch mal ein E-Book. Keimt als kleine Idee und darf als solche in mir hausen. Ich habe einen gedanklichen Vertrag mit mir geschlossen, der besagt, dass ich eines Tages darauf zurückgreifen darf. Ein Zwang besteht allerdings nicht.

Schreibt, malt, singt, spielt und seid mutig, es für gut genug zu befinden! Wir sind nicht erst dann Autoren, wenn wir verkauft werden oder man uns verlegt. Wir sind nicht erst Maler, wenn wir Galerien füllen und die Prominenz auf unseren Vernissagen erscheint. Niemand muss am Burgtheater spielen, um als Ausnahmeschauspieler zu gelten. Kein „Fachmann“ – auch bekannt als „Kulturkritiker“ – soll sich erdreisten zu beurteilen, ob unser Schaffen und Wirken als Literatur oder Kunst durchgeht oder nicht. Alles darf, solange es nicht moralisch fragwürdig wird, der Rest ist einfach Geschmackssache und entzieht sich jeder Bewertung.

Lasst die Menschen einfach selbst entscheiden, ob sie es mögen. Man wird spüren, was ihr mit Liebe macht, was authentisch ist, unverkrampft und frei – und dann habt ihr das Publikum, das euch verdient.

(Ausgangstext: Heidi Kurcsis)

Meine größte Angst war einmal die vor einem nüchternen Leben. Nicht die vor einem geschundenen Körper, einem verkümmerten Geist oder einem vorzeitigen Tod durch Leberversagen, nein, die davor, eines Tages nicht mehr trinken zu können, nicht mehr trinken zu dürfen. Insgeheim wusste ich nämlich, dass das unter keinen Umständen für immer so weitergehen konnte, dass es schließlich unausweichlich werden würde, dem Alkohol zu entsagen. Gerade deshalb wollte ich mein Dasein bis zu jenem Tag nutzen, die wenige Zeit ausschöpfen, die mir geschenkt wurde, und mein Leben in vollen Zügen genießen – Flasche um Flasche, Rausch um Rausch und Kater um Kater; umgeben von einem dichten Nebel, der sich immer dann zu lichten schien, wenn ich anfing, verschwommen zu sehen.

Ich mache kein Geheimnis aus meiner Vergangenheit und doch habe ich es bislang selten so direkt angesprochen. Da mich dieses Thema allerdings auf ewig begleiten wird und mir obendrein sehr am Herzen liegt, habe ich beschlossen, es fortan vermehrt in den Fokus zu rücken.

Es wirkt, als gäbe es kaum etwas, was zum Alkoholismus oder zur Sucht allgemein noch nicht gesagt wurde. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass dort draußen ganz viel gefährliches Halbwissen und eine Menge dubioser Expertenmeinungen kursieren. Denn während sich die Erfahrungen Betroffener in einigen Aspekten größtenteils decken mögen, variieren sie in anderen so stark, dass ich nur zur Vorsicht raten kann. Ganz so einfach ist das mit dieser Abhängigkeit zumeist gar nicht.

Abhängigkeit ist etwas Subtiles

Ich habe bislang nicht aufgehört zu trinken. Nicht, wenn man es ganz genau nimmt. Ich denke hin und wieder über die hundertprozentige Abstinenz nach, aber das ist nichts, was man heute entscheidet und morgen mal eben umsetzt. Was sich bei mir in den letzten Jahren jedoch verändert hat, ist der Stellenwert des Alkohols. Er ist nicht mehr Mittelpunkt meines Lebens. Früher habe ich täglich getrunken, inzwischen trinke ich mitunter monatelang keinen Tropfen.

Der eine Schluck, der den vermeintlich Genesenen erneut und endgültig in den Abgrund reißt, der Wein in der Bratensoße, der ein unaufhaltsames Verlangen weckt, und der Gang vorbei am Spirituosenregal, welcher einem schlagartig die Kontrolle entzieht und im Delirium endet … all das mag auf wahren Begebenheiten beruhen, aber es stellt nicht die Regel dar. Abhängigkeit ist etwas Subtileres, etwas Hinterlistiges und Schleichendes. Abhängigkeit prügelt dich nicht mit dem Baseballschläger ins Grab, Abhängigkeit verpasst dir regelmäßig kleine Stiche und Schnittwunden und ebnet dir den Weg dorthin – Engelschöre eingeschlossen.

Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber sind deshalb das A und O. Der Kontrollverlust lauert durchaus, doch er ist gut getarnt. Es ist ein Spiel mit dem Feuer und – glaubt mir – ich hasse den Alkohol. Wäre ich (aus welchen Gründen auch immer) gezwungen, die altgediente Redewendung mit dem Gehörnten zu bemühen, müsste ich nicht lange überlegen: Alkohol ist der Teufel. Ja, Alkohol, und nicht etwa Kokain, Methamphetamine oder sonstige Rauschmittel.

Ich bin mir sicher, dass beispielsweise der Konsum von Heroin überwältigende Gefühle auslöst, aber um nichts in der Welt würde ich es ausprobieren. Dafür habe ich zu großen Respekt vor den möglichen Konsequenzen. Mit dem Alkohol würde es sich genauso verhalten, könnte ich die Zeit zurückdrehen und dabei mein jetziges Wissen behalten – das reine Wissen, nicht die Erinnerung. Ich würde nicht nochmal anfangen. Um nichts in der Welt. Ich würde den Ethanolrausch genauso wenig vermissen, wie ich den Heroinrausch jetzt vermisse, und hätte die reine Faktenlage vor mir auf dem Tisch. Eine Faktenlage, die die halbherzige Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen heuchlerischer Präventivmaßnahmen schlicht und ergreifend nicht bietet.

Ein wenig Nervengift für den Kreislauf

Alkohol wird verklärt wie keine andere Droge und die Gesellschaft ist nicht daran interessiert, das zu ändern. So wie die Regierung nicht an tatsächlichem Weltfrieden interessiert ist. Mit wirrem Gewäsch von Kultur und Tradition wird versucht, den kollektiven Hang zur Abhängigkeit zu verteidigen, und jeder einzelne Mensch, der in dieser Gesellschaft aufwächst, sieht sich früher oder später damit konfrontiert. Mein größter Respekt gilt jenen, die bereits in jungen Jahren über genügend autarkes Urteilsvermögen verfügen, sich den Verlockungen des sozialkonformen Konsums zu verweigern. Ebenso wie den Erziehungsberechtigten, die fähig waren, ihrem Kind ein solches Geschenk mit auf den Weg zu geben. Gleichzeitig verurteile ich allerdings niemanden, der dazu nicht in der Lage ist oder war. Ich bin es selbst nicht gewesen.

Davon abgesehen ist an einem Gläschen Wein am Abend ja auch nichts verkehrt. Ist nämlich die Menge, die das Gift macht. Selbstverständlich. Ein wenig Nervengift für den Kreislauf hat noch keinem geschadet. Und wie könnte man etwas dagegen haben, wenn es so hervorragend zur Entspannung beiträgt? Außerdem, die Urgroßmutter eines ehemaligen Freundes meiner Schwester hat ihr ganzes Leben lang getrunken. Und die ist 98 geworden.

Ein Glück blieb uns der Stress erspart, eine Geburtstagsfeier zum Hundertsten organisieren zu müssen.

Um ganz im Heute leben zu können, muss man seine Vergangenheit abstreifen und sich von allem trennen, was nicht wirklich von Wert ist. Nur auf diese Weise lassen sich die alten Muster und verkrusteten Strukturen auflösen, die sich über die Jahre in uns angesammelt haben und uns nunmehr blockieren. Wie jedoch schafft man es, seine Vergangenheit loszuwerden – oder zumindest ihre belastenden Anteile? Induzierte Amnesie? Existiert so etwas überhaupt?

Keine Angst, ich habe nicht vor, von Elektroden am Kopf oder toxischen Cocktails zu erzählen; mein Lösungsansatz ist ein ebenso simpler wie ungefährlicher.

Der von mir hochgeachtete Schriftsteller Paulo Coelho ließ diese Methode einen kasachischen Schamanen erklären. So habe ich von ihr erfahren. Wer sie letztendlich erfunden hat, ist mir unbekannt – doch am wichtigsten ist ohnehin, dass sie tatsächlich wirkt. Ja, obgleich ich die Methode für meine Zwecke aus praktischen Gründen ein wenig abgewandelt habe, kann ich das bestätigen. Aber beginnen wir am Anfang.

Um sich weiterzuentwickeln, muss sich der Mensch geistig bewegen. Wenn er allerdings stets sein komplettes bisheriges Leben hinter sich herzerren muss, kommt er entweder nur äußerst mühsam oder überhaupt nicht voran. Das Ablegen des Gewesenen ist also zwingend notwendig, um Platz für Neues zu schaffen und unbeschwert seinem Weg folgen zu können. Wie aber kann man die persönliche Vergangenheit ablegen, seine ureigene Geschichte, wo wir doch alle wissen, wie schwer es fällt loszulassen?

Der Schamane sagt, man müsse laut davon erzählen – immer wieder und bis in die kleinsten Details. Dabei verabschiede man sich von dem, was man einmal gewesen sei und öffne Räume für eine neue, unbekannte Welt. Man solle seine alten Geschichten so lange erzählen, bis sie für einen selbst nicht mehr von Bedeutung seien.

Da stellt sich die Frage, ob man so nicht auch das Risiko eingeht, wichtige Erinnerungen und wertvolle Erfahrungen zu verlieren. Der Schamane verneint das: Die wichtigen Dinge blieben immer erhalten – verschwinden würden nur solche, die wir fälschlicherweise für wichtig erachteten.

Das hat mich nachdenklich gestimmt. In der Tat ist es so, dass wir permanent kostbare Lebensenergie aufwenden, um zu beobachten, zu überwachen und zu steuern, was die Aufmerksamkeit schlichtweg nicht wert ist. Dinge, die vielleicht früher einmal relevant für uns waren, uns heute aber maximal peripher berühren oder unser Leben gar vollends verlassen haben. Das Niederlegen dieser Verhaltensweise stelle ich mir zweifellos als großen Gewinn vor, doch lässt sich so etwas wirklich durch reines Erzählen bewerkstelligen? Und warum laut? Wer sollte das Publikum sein? Und wer ist schon bereit, sein Innerstes vor Publikum nach außen zu kehren?

An dieser Stelle verlasse ich den Weg des Schamanen. Ich sitze nicht des Nachts an einem Lagerfeuer in der kasachischen Steppe und blicke in die erwartungsvoll geöffneten Augen meiner Stammesmitglieder, die nur darauf warten, immer und immer wieder dieselben alten Geschichten zu hören. Nichtsdestoweniger verspüre ich tief in mir das Gefühl, dass an dieser Methode etwas dran sein könnte – etwas, das tatsächlich funktioniert.

Schon vor langer Zeit habe ich an mir selbst ein Phänomen beobachtet, das vermutlich jeder Hirnforscher mit wenigen Worten wissenschaftlich erklären könnte. Ich kann das nicht, doch das ändert nichts daran, dass ich es für mich als ungemein bedeutend erachte.

Es fing damit an, dass ich mein alltägliches Denken genauer unter die Lupe nahm. Da waren zig Stimmen in mir, die munter durcheinanderplapperten, sich stritten, verbündeten und erneut zu streiten begannen. Jede Stimme beharrte auf ihrer Meinung – mal inbrünstig und dominant, dann wieder zurückhaltend und kleinlaut. Manchmal verstummten sie so unvermittelt, wie sie aufgetaucht waren. Konnte es im Kopf eines halbwegs intelligenten Menschen wirklich derart chaotisch zugehen? Und ob es das konnte!

Dann allerdings bemerkte ich Folgendes: Sobald ich versuchte, mich zu artikulieren, verlor das Stimmenchaos an Intensität und eine gewisse Ordnung hielt Einzug. Beinahe so, als müssten sich die Stimmen der einzelnen Gedanken vor dem Sprachzentrum in einer Schlange anstellen und darauf warten, sich zu echten Worten entwickeln zu dürfen. Und dort – am Eingang des Sprachzentrums – schien ein Wächter zu stehen, der nur die wesentlichsten Gedanken passieren ließ und die für brauchbar befundenen obendrein anwies, sich diszipliniert aneinanderzureihen.

Ihr werdet euch jetzt vielleicht fragen, was all das mit dem Schamanen zu tun hat. Nun, ganz einfach: Wer glaubt, im Klartext zu denken, der irrt. Nur das Sprechen sowie das Schreiben erfolgen im Klartext. In diesem Fall bedeutet das, seine Gedanken in einer sinnvollen und wohlstrukturierten Kette aufzureihen und anschließend zu verbalisieren. Kein Vergleich also zur Gedankensuppe, die da sonst quer durch unsere Hirne geistert.

Letztlich soll der Rat des Schamanen nichts anderes bewirken, als dass wir unsere Lebensgeschichte in ebensolch klare Strukturen bringen und den Torwächter am Sprachzentrum seines Amtes walten lassen. Dieser trennt nämlich die Spreu vom Weizen, sprich die wichtigen von den unwichtigen Dingen in unserem Erfahrungsschatz.

Je öfter und intensiver wir das tun, desto deutlicher werden wir den Aufräumeffekt wahrnehmen. Mit einigem Training lässt sich sogar das wilde Geplapper im Kopf abstellen, da wir irgendwann tatsächlich Klartext denken. Anbei bemerkt hat das einen großartigen Nebeneffekt: Denken im Klartext mag zwar anfangs, wenn man noch nicht über ausreichend Übung verfügt, recht anstrengend sein, wird mit der Zeit aber immer einfacher – bis einem schließlich bewusst wird, welche Kraft es zuvor gekostet hat, sich unentwegt mit jenem bunten Stimmenchaos auseinanderzusetzen. An diesem Punkt ist man in der Lage, Neues mit ungekanntem Elan anzugehen oder sich schlicht und ergreifend in völliger Gelassenheit zu entspannen.

Wer mir bis hierher folgen konnte, würde jetzt wahrscheinlich gerne wissen, wo er den geeigneten Platz für sein tägliches Lagerfeuer sowie die passende Zuhörerschaft finden soll. In Wirklichkeit bedarf es jedoch weder eines Feuers noch eines Auditoriums. Der Schamane wählte das laute Sprechen nur, weil er weder Laptop noch Internet kannte, denn die Prozesse, die beim Sprechen und beim Schreiben im Hirn ablaufen, sind sich ganz schön ähnlich: Beides macht von den Funktionen des Sprachzentrums Gebrauch. Wer also nicht sprechen kann – oder wem keiner mehr zuhört –, der kann einfach aufs Schreiben zurückgreifen.

Also los, schreibt eure Geschichten auf, detailliert und immer wieder – so lange, bis euch alles Unwesentliche und Belastende verlassen hat und Platz für Neues geschaffen wurde. Füllt Tagebücher mit Erinnerungsgeschichten, schreibt euren Freunden und Vertrauten, bringt all das zu Papier, was euch in der Vergangenheit beschäftigt hat. Bloggt über euer altes Leben und über das neue gleich mit. Verfasst endlose Mails oder einfach nur Texte für euch selbst. Vertraut euch den Worten an!

„Moment einmal, Texte nur für einen selbst?“, höre ich euch nun fragen – und kann das mit einem deutlichen „Ja!“ beantworten. Ich verrate euch nämlich noch etwas: Natürlich ist es schön, wenn ihr für eure zukünftigen Werke auch Leser findet und mit Feedback rechnen könnt, erforderlich ist das allerdings nicht. Der entscheidende Prozess vollzieht sich in euch selbst, in eurem Inneren. Wichtig ist nur, dass ihr eure Erzählungen detailgetreu und ehrlich gestaltet, keinen Bogen um unschöne Themen macht und auch weniger angenehme Lebensbereiche nicht auslasst.

Ich wünsche euch viel Erfolg dabei!

(Ausgangstext: Frank Schreiner)

Gedichte

Du hast es mir nicht leicht gemacht
Gabst dich genügsam und bescheiden
Hättest alles, was du brauchst
Ich solle es nicht übertreiben

Aber, Lena, tut mir leid
In diesem Jahr, da zieht das nicht
Nach drei Dekaden Freundschaft
Wird es Zeit, dass man mal Klartext spricht

Glaubst du echt, ich nehm dir ab
Dass du nicht länger Träume hegst?
Dass keine Sehnsucht in dir wohnt
Nur weil du es zu sagen pflegst?

Wir beide wissen ganz genau:
Dir ist da noch ein Wunsch verblieben
Zeit, dass sich auch der erfüllt
Drum wirst du bald nach Nepal fliegen

Alles Gute zum Geburtstag!

Da bricht er in Gelächter aus
Der Zeitsoldat im Krankenbett:
„Mal ernsthaft, Dermatologie?
Wer braucht denn die im Lazarett?“

Doch beispielsweise in den Tropen
– Wie man an den Zahlen sieht –
Wo man sich schnell Furunkel holt
Dort schätzt man dieses Fachgebiet

Vor allem, wessen Haut bereits
Zu Hause zu Problemen neigt
Der hat in jener Klimazone
Keine allzu leichte Zeit

Denn wo die schweren Stiefel scheuern
Und die Hitze heftig drückt
Ist eine Sache ganz gewiss:
Bakterien, sie sind entzückt

Das einfache Ekzem wird so
Ganz rasch zur Superinfektion
Und unabhängig davon
Führt der Sonnenbrand zum Melanom

Und was ist denn mit den Insekten
Blasenkäfern, Flöhen, Wanzen
Larven kleiner Tumbufliegen
Die sich in der Haut verschanzen?

Wenn zu guter Letzt dann noch
Die Nesselsucht die Haut befällt
Wird klar, die Dermatologie
Die braucht es auf der ganzen Welt

Deswegen wird sie hochgeschätzt
Besonders bei der Bundeswehr
Und auch der junge Zeitsoldat
Sieht keinen Grund zu lachen mehr

Wir haben uns einst gut gekannt
In ungestümen Jahren
Und heut weiß nur das Gestern
Um die Freunde, die wir waren

Wir glaubten nicht an Endlichkeit
Wir dachten nicht an früher
Wir kannten nur den Augenblick
Doch zog auch er vorüber

Und immer, wenn ich niederkehre
Wenn ich mich enteine
Wenn ich dem Jetzt entsage
Spricht die Stille für uns beide

Ich lausche fremden Worten
Einer unbekannten Sprache
Doch blendet mich der Widerschein
Der nunmehr welken Tage

Ich wünsche mir Erinnerung
Die mehr als nur Vergängnis zeigt
Dass irgendwann vom Hier und Jetzt
Mehr Born als tiefe Sehnsucht bleibt
Ich wünsche mir Erinnerung
Wenn ich die Zeit nicht halten kann
Von Greis an Kind, von Baum an Keim
Von Tag an Tag, von Anfang an

Zur Weihnachtszeit, das ist bekannt
Hängt Ralle viel auf Tinder rum
Denn einsam sind die Damen jetzt
Und Dr. Ralf gewiss nicht dumm

Auch Mogli ist ein schlauer Kerl
Lädt selten ein, doch speist recht oft
Ob Zimtstern oder Marzipan
Er frisst sich durch, von West nach Ost

Von Ost nach West hingegen kam
Der Ronny schon vor vielen Jahren
Riss bereits so manchen Witz
Als wir noch nicht geboren waren

Jedenfalls Maria nicht
Der ständig vor der Roda graut
Doch, hey, habt ihr euch so was denn
Im Vorschulalter schon getraut?

Ach ja, und Eva, ganz sie selbst
Schwelgt immerfort in Träumerei’n
Träumt von Millionen Followern
Und davon, einst ein Star zu sein

Wofür jetzt keine Zeit mehr ist
Denn Pardal bittet heut zum Tanz
Und auch wenn er gern Sprüche klopft
Sein Kampfstil glänzt durch Eleganz

Iljana glänzt beim Pingpong
Und steht ein für die Gerechtigkeit
Gebt Acht auf den Martelo
Wenn ihr wieder mal nicht artig seid

Und denkt auch an den Weihnachtsmann
Der nur die Braven reich beschenkt
Benehmt euch einfach ganz genau
So wie ihr es von Onca kennt

Geleia spielt die Atabaque
Gibt uns einen Rhythmus vor
Und wenn ihr ihn jetzt lächeln seht
Dann nehmt auch ihr es mit Humor

Ich wünsche euch ein frohes Fest!

Ich warte, bis die Nacht sich senkt
Und mich erneut Vertrauen lehrt
Denn Zwietracht sät der Heilige
Der weder Schuld noch Zweifel ehrt

Ich gebe mich den Schatten hin
Der ungekannten Dunkelheit
Und wahre jenen Augenblick
In welchem nur die Angst verbleibt

Die Angst, so weiß ich, ist nicht mehr
Als falscher Schein, als Illusion
Denn als sie noch vom Morgen sprachen
Kannte ich das Dunkel schon

Und während sie die Nacht verdammen
Ungezählte Feuer schüren
Wird mich einst die Dunkelheit
Vom Schicksal hin zum Dasein führen

Kindergeschichten

Als Mama Kim ihren Sohn Ari an diesem Nachmittag vom Kindergarten abholte, spürte er, dass
irgendetwas anders war. Die Sonne schien und wie jeden Tag erzählte er ihr, was er heute alles
erlebt hatte. Plötzlich aber verdunkelte sich der Himmel schlagartig. Wo denn auf einmal die
Wolken herkamen, fragte sich Ari. Er schaute nach oben, allerdings war der Himmel noch immer
wolkenlos.
„Hast du das auch gesehen, Mama?“, fragte er seine Mutter.
„Was meinst du denn?“, wollte Mama Kim wissen.
„Es ist doch gerade total dunkel geworden!“, meinte Ari aufgeregt. „Das musst du doch bemerkt
haben!“
„Vielleicht ist ja ein Flugzeug über unsere Köpfe gerauscht“, sagte seine Mutter.
„Nein, das hätten wir doch gehört“, erwiderte er.
„Hm, dann weiß ich auch nicht.“
Als die beiden ihre Straße erreicht hatten und das Haus schon sehen konnten, verdunkelte sich
der Himmel erneut. Diesmal bemerkte Ari, dass da ein gigantischer Schatten über sie hinweg
gehuscht war. Noch bevor er nachsehen konnte, was diesen Schatten verursacht hatte, hörte er
einen markerschütternden Schrei und zuckte zusammen. Das war kein menschlicher Schrei
gewesen, vielmehr klang das Geräusch nach einem Vogel – nur um einiges lauter. Er blickte zum
Himmel und traute seinen Augen kaum: Ein riesiger Pteranodon kreiste über ihrem Haus!
Ari war total verblüfft. „Mama, Mama, siehst du das auch?“
Seine Mutter schien ihn jedoch gar nicht zu hören.
„Mama, schau doch, da oben über unserem Haus!“ Ari zog seine Mutter am Arm.
Auf einmal bebte die Erde und ein ohrenbetäubendes Brüllen drang aus der Richtung, aus der
sie gekommen waren. Jetzt verstand Ari, warum seine Mutter so abgelenkt war. Auf dem
Sportplatz vor dem Kindergarten trampelte doch wirklich ein gigantischer T-Rex herum!
„Schnell, wir müssen hier weg!“ Ari verstand die Welt nicht mehr. Konnte es vielleicht sein, dass
er träumte? Er zwickte sich in den Arm, doch er wachte nicht auf. Nein, das zwickte wirklich! Ari
war verwirrt. Um darüber nachzudenken, hatte er allerdings nicht lange Zeit, denn kurz darauf
schrie seine Mutter: „Vorsicht, Ari!“
Ari sah, warum sie so erschrocken klang. Von dort, wohin sie zeigte, kam donnernd ein
Triceratops angerast.
Gerade noch rechtzeitig sprangen er und seine Mutter aus der Bahn des Dinosauriers, der mit
voller Geschwindigkeit gegen die Hauswand krachte und mit seinen Hörnern in der Mauer
steckenblieb. Jetzt aber nichts wie weg!, dachte Ari.
Er nahm seine Mutter an der Hand und rannte los, fort von dem T-Rex und dem jaulenden
Triceratops. In der Ferne sah er ein paar Stegosaurier gemächlich über die Felder traben – sogar
ein kleines Stegosaurier-Kind hatten sie dabei. Wobei „klein“ nicht ganz das richtige Wort war,
immerhin war der junge Stegosaurus sehr viel größer als Oma Marion. Moment einmal – als Oma
Marion? Tatsächlich! Offenbar hatte sich Oma Marion mit den Vierbeinern angefreundet!
„Oma Marion!“, rief Ari, während er und seine Mutter sich ihnen näherten. „Was machst du
denn hier?“
„Das wollte ich dich gerade fragen, Ari“, sagte seine Großmutter lachend. „Schau mal, das sind
meine neuen Freunde. Total liebe Tiere!“
„Ich will ja nicht stören, aber ich weiß nicht, ob das die richtige Zeit für eine Vorstellungsrunde
ist“, sagte Mama Kim panisch. „Seht mal, dort.“ Sie zeigte zu dem tobenden Tyrannosaurus. Er
hatte sie offensichtlich entdeckt und es auf sie abgesehen, denn mit gesenktem Schädel stürmte er
auf sie zu.
„Oje, was machen wir jetzt nur?“, schrie Oma Marion.
Plötzlich huschte wieder ein Schatten über sie hinweg. Inzwischen wusste Ari, was das bedeuten
musste, also suchte er auf der Stelle den Himmel ab. Da! Wie erwartet war ihnen der Pteranodon
von vorhin gefolgt – und gleich sollten sie erfahren, weshalb.
„Hey, ihr da unten!“, rief eine vertraute Stimme.
Unglaublich, aber auf dem Rücken des Flugsauriers saß Opa Bernhard!
„Wie kommst du denn hierher?“, fragte Mama Kim neugierig und erleichtert zugleich.
Er landete und half jedem von ihnen auf den Rücken des Sauriers. Direkt danach hoben sie
gemeinsam ab. „Verrückte Geschichte!“, sagte Opa Bernhard. „Eigentlich wollte ich Ari
überraschen und ihn vom Kindergarten abholen. Dort wurde mir aber gesagt, dass du das schon
getan hättest. Als ich mich dann auf den Rückweg machte, hat mich wie aus dem Nichts dieser wild
gewordene T-Rex angegriffen. Der gute Kerl hier hat mich gerettet!“ Er klopfte dem Pteranodon
liebevoll auf den Rücken.
„Hey, auch ich wollte Ari überraschen!“, sagte Oma Marion.
„Merkwürdig“, stellte Mama Kim fest.
„Ari, Ari!“
„Habt ihr das auch gehört?“, fragte Mama Kim. „Diese Stimme kenne ich doch.“
„Das kam von da unten!“, sagte Ari aufgebracht. „Das ist Ole!“
Unter ihnen, genau dort, wo der T-Rex wütete, versuchte Ole verzweifelt, sich in Sicherheit zu
bringen – und er war nicht allein. Ein weiterer Junge und ein Mädchen waren bei ihm.
„Ben und Brianna sind auch da unten“, sagte Ari. „Wir müssen etwas tun!“
„Jetzt passt mal auf.“ Opa Bernhard klopfte dreimal schnell hintereinander auf den Rücken des
Pteranodons. „Festhalten!“, rief er laut.
Sofort setzte der Saurier zum Sinkflug an.
„Das kribbelt fast wie in der Schiffschaukel“, lachte Ari.
Sie flogen direkt unter dem Tyrannosaurus hindurch, ganz knapp am Boden vorbei, sodass sich
Ole, Ben und Brianna mit einem gezielten Sprung auf den Pteranodon retten konnten.
„Danke, Leute!“, sagte Ole.
„Kein Problem“, entgegnete Ari, „so macht man das unter Freunden, oder?“
„Wie konnte das denn passieren?“, fragte Mama Kim die geretteten Kinder.
„Ich weiß es auch nicht“, antwortete Brianna. „Wir wurden vom Kindergarten abgeholt und auf
einmal war alles voller Dinosaurier.“
„Heißt das etwa, eure Eltern sind auch noch irgendwo in der Nähe?“, fragte Oma Marion
besorgt.
„Oh nein, die habe ich vor lauter Schreck ja ganz vergessen!“, sagte Ben.
„Kein Grund zur Sorge“, sagte Ari und deutete auf den Weg vor dem Kindergarten. Dort standen
die Eltern von Ole, Brianna und Ben und winkten erleichtert.
„Puh, ein Glück“, zeigte sich auch Oma Marion beruhigt. „Aber damit ist immer noch nicht
geklärt, was hier eigentlich los ist.“
„Na ja, überlegt doch mal“, begann Mama Kim. „Jeder von uns hat den Kindergarten durch
dieselbe Tür verlassen.“
„Die Kindergartentür ist ein Portal!“, entfuhr es Ari.
„Exakt das glaube ich auch“, pflichtete Mama Kim ihm bei.
„Das hieße, dass wir einfach nur den Kindergarten betreten müssten, und alles wäre wie zuvor“,
sagte Oma Marion.
„Lasst es uns herausfinden“, sagte Opa Bernhard und klopfte dreimal schnell auf den Rücken
des Pteranodons. Dieser setzte zum Sturzflug an, bremste aber rechtzeitig, bevor sie auf den
Boden knallten, ab. So landeten sie sanft vor dem Kindergarten.
„Ich gehe zuerst“, sagte Ari mutig.
„Wir gehen zusammen“, widersprach Ole.
Ari schaute ihn verdutzt an.
„Was denn?“, fragte Ole. „So macht man das unter Freunden, oder?“
Ari lächelte. Er verabschiedete sich von dem Pteranodon, indem er dessen Kopf tätschelte, und
brachte sich dann in Position. „Bereit, Ole?“
Ole nickte.
„Okay, dann auf drei. Eins … zwei … drei!“
Die beiden Jungen rannten furchtlos durch die offenstehende Kindergartentür und … verschwanden!
Der Rest der Gruppe sah sich verblüfft um. Sie warteten einen Augenblick ab, dann rannten sie
alle nacheinander durch die Tür. Opa Bernhard kam als Letzter in den Kindergarten gestolpert und
hinter ihm krachte es gewaltig – das Glas in der Eingangstür zerbrach in tausend Teile.
„Das bedeutet wohl, dass sich das Portal geschlossen hat“, vermutete Oma Marion.
„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.“ Ohne zu zögern nahm Ole Anlauf und sprang über
den Scherbenhaufen nach draußen.
Die anderen waren schockiert.
„Alles in Ordnung, keine Dinos zu sehen.“
„Mach so etwas Unüberlegtes nie wieder!“, sagte Ari. „Wir können dich nicht immer retten.“
„Tut mir leid, kommt nicht wieder vor“, versicherte Ole.
„Lasst uns jetzt nicht streiten“, sagte Oma Marion. „Wollen wir uns nicht viel lieber freuen, dass
wir dieses Abenteuer alle unbeschadet überstanden haben?“
„Na ja“, meinte Ari, „wir schon …“ Er machte eine kurze Pause. „Aber erzähl das mal dieser Tür!“
Und unter großem Gelächter trat die Gruppe den Heimweg an.

Reden

Guten Abend zusammen, vielen Dank, lieber Reiner, für die Einladung.

Mir wird heute die Ehre zuteil, ein paar Worte sagen zu dürfen. Nicht, dass ich sonderlich heiß darauf gewesen wäre, glaubt mir, aber habt ihr schon einmal versucht, der reizenden Maria einen Wunsch auszuschlagen? Unmöglich.
Besser für euch, so könnt ihr jetzt nämlich entspannt an euren Tischen sitzen und darauf warten, dass der Kerl hier vorne sich verhaspelt.

Wie auch immer. Was erzählt man denn bei so einer Rede? Gute Frage, oder? Die habe ich mir auch gestellt. Dass unser werter Reiner heute 50 wird, dürfte allen bekannt sein. Oder ist jemand versehentlich hier gelandet? Falls ja, das da drüben ist Reiner. Vielleicht stellt ihr euch nachher einfach mal vor.

Spaß beiseite. Jeder hier weiß, dass Reiner ein unfassbar zuverlässiger und ehrlicher Mann ist, das muss ich nicht extra erwähnen. Dass er nicht auf die Schnauze gefallen ist, dürfte auch kein Geheimnis sein. Genauso wenig wie die Tatsache, dass ein Beisammensein ganz oft erst durch seine Anwesenheit unvergesslich wird. Reiner ist ein fürsorglicher Vater, ein fantastischer Ehemann und ein toller Lehrer. Ein Großteil seiner Schüler würde mir da jedenfalls zustimmen … und bestimmt nicht nur die, die auf der Kippe stehen. Aber das ist alles bekannt.

Was könnte ich also sagen, was nicht schon jeder weiß? – Na ja, dachte ich mir, da bieten sich doch meine ganz persönlichen Gedanken an.

Für mich ist Reiner der beste Freund, den ich mir vorstellen kann. Er bereichert mein Leben mittlerweile bereits seit über 30 Jahren (sind wir wirklich schon so alt?) und ich bin unglaublich dankbar, ihn kennengelernt zu haben. Was wir gemeinsam erlebt haben, ist schlicht und ergreifend der Wahnsinn. Es gäbe da Geschichten, die würdet ihr nicht glauben. Niemand würde das. Aber das ist nicht wichtig, denn er und ich, wir beide wissen, dass sie wahr sind. Und nur wir beide müssen das wissen, denn es sind unsere Geschichten.

Ganz egal was ich für ein Problem hatte, seine Hilfe war mir gewiss. Wir haben gemeinsam die Schule absolviert und an derselben Uni studiert. Wir haben Frauen kommen und gehen sehen – nichts für ungut, Maria – und wir sind zusammen gereist.
Wir haben auch dunkle Zeiten miteinander durchgestanden, so ist es nicht. Wir haben gestritten – Gott, was haben wir gestritten –, aber wir haben uns auch immer wieder vertragen. Wir haben berufliche Rückschläge erlitten und geliebte Menschen zu Grabe getragen – aber wir waren füreinander da. Und nach jeder miesen Zeit kam schließlich eine bessere. Häufig sogar eine verdammt gute.

Wir sind beide Eltern geworden und – wie verrückt ist das denn? – unsere Kinder verstehen sich prächtig. Teilweise auch schon seit über zwei Jahrzehnten. Der Gedanke daran, dass unsere Freundschaft in ihnen weiterbesteht, überwältigt mich. Das zeigt, was für eine besondere Freundschaft wir, Reiner und ich, haben. Eine Freundschaft, die allen Widrigkeiten trotzt und jedes Hindernis überdauert – sogar die Zeit selbst.

(Pause)

Bisher habe ich es ganz gut hingekriegt, mich nicht zu verhaspeln, oder? Vielleicht sollte ich zum Ende kommen, bevor sich das ändert. Also halte ich jetzt – wie Reiner es sagen würde – einfach die Backen. Bloß eins noch:

Ich wünsche dir zu deinem 50. Geburtstag nur das Beste, mein Freund. Mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen, heute wie an jedem weiteren Tag deines Lebens.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Hallo allerseits,

schön, dass ihr so zahlreich zu unserer diesjährigen Weihnachtsfeier erschienen sei… Moment, da stimmt was nicht … Ich komme hier immer wieder durcheinander. Wie war das? Erst der Tag, an dem ich Geschenke bekomme, dann der Tag, an dem Papa Geschenke bekommt, genau. Also, noch einmal:

Schön, dass ihr so zahlreich zu Papas Geburtstagsfeier erschienen seid – und schön, dass wir diesen Geburtstag zusammen verbringen können. Letztes Jahr sah die Sache ganz anders aus, da ging es Papa nicht allzu gut. Wahrscheinlich kann sich jeder von uns Angenehmeres vorstellen, als Weihnachten und Geburtstag schwer krank im Bett zu verbringen. Lasst uns deswegen heute doppelt feiern – sowohl für den Neunundfünfzigsten als auch den Sechzigsten!

Neunundfünfzig? Sechzig? Eure verblüfften Gesichter sprechen Bände. Ja, dieser adrette Mann ist tatsächlich schon sechzig Jahre alt. Schwer zu glauben, wenn man ihn sich so ansieht, oder? Keine Frage, ein riesiger Vorteil der modernen Seniorenwindeln ist, dass sie äußerst unauffällig zu tragen sind!
Schau mal, hier noch eine zum Wechseln.

Spaß beiseite. Dass sich Papa so gut gehalten hat, verdankt er in erster Linie Mamas guter Pflege. Wobei es auch eine Rolle gespielt haben dürfte, dass er sein Leben lang so aktiv war. Apropos, habt ihr den ruhigen Holger einmal auf dem Fußballplatz erlebt? Ich schon – eine gelbe Karte hat er da kassiert, weil er zu viel gebrüllt hat. Ich glaube, das war das erste Spiel von ihm, das ich gesehen habe. Auf jeden Fall war es das letzte – zu viel für meine zarte Kinderseele.

Wenn man genauer darüber nachdenkt, passt es aber doch irgendwie zu Papa, oder? Wer schon mal versucht hat, mit ihm eine Diskussion zu führen, wird verstehen, was ich meine: Da gibt es nämlich exakt eine relevante Meinung – und das ist seine.

Umso bemerkenswerter, dass er durchaus fähig ist, diese zu ändern … wenn auch eher still und heimlich. Kleines Beispiel gefällig? Ratet mal, wer am Anfang strikt gegen eine Katze war – und dann beobachtet, wie er nun mit der Kleinen kuschelt. Harte Schale, weicher Kern, das trifft es ganz gut. „Mit 18 bist du raus“ habe ich zu oft gehört, als dass ich es hätte zählen können. Jetzt bin ich raus und weiß aus sicherer Quelle, dass ihm das ziemlich zu schaffen gemacht hat.
Selbst wenn er sich manchmal schwertut, es zu zeigen, ich weiß, dass er mich liebt und dass er jederzeit für mich da ist. Er war stets ein fürsorglicher und aufmerksamer Vater.

Nein, ich kann mich nicht beklagen. Beispielsweise hat er diese Angewohnheit, vorsorglich den Kühlschrank zu plündern, einfach nur, damit ihm kein anderer etwas wegisst. Trotzdem hat er mit mir immer großzügig geteilt. Außerdem hatte ich als Kind so einen kleinen Putzwagen – ich wurde früh mit dem Ernst des Lebens konfrontiert. Worauf ich hinauswill: Papa war sich nie zu schade, mich tatkräftig bei der Säuberung des Treppenhauses zu unterstützen! An dieser Stelle möchte ich mich dafür nochmal herzlich bei dir bedanken.

Heutzutage wäre das wahrscheinlich schwierig, mit zunehmendem Alter sinkt nun einmal die Mobilität. An so eine Treppenhausreinigung ist gar nicht mehr zu denken. Damit aber zumindest die unvermeidlichen Wege etwas komfortabler werden, hier ein kleines Hilfsmittel für dich: dein eigener Rollator!

Oh, und eine kurze Anmerkung an Mama: Sei Papa nicht böse, wenn er seine Schuhe aufeinander- statt nebeneinanderstellt. Je höher er sie stapelt, desto weniger weit muss er sich hinunterbeugen. Mit so einem alten Rücken ist nicht zu spaßen.

Ja, vielleicht ist es langsam an der Zeit, die Dinge etwas gemächlicher anzugehen. Mehr Sudoku, mehr Kartenspiele, mehr gemütliche Fernsehabende … und vielleicht auch mehr Hape Kerkeling als Bruce Willis. Ich weiß ja nicht, aber diese hektischen Schnitte und lauten Geräusche … sind die dem Kreislauf eines älteren Herrn wirklich zumutbar? Bitte sei da vorsichtig und gib auf dich Acht. Im Zweifelsfall schadet ein wenig Medizin bestimmt nicht. Womit wir bei seinem Lieblingsthema wären: Bier.

Beim Bier gibt es ja ganz unterschiedliche Sorten – in ganz unterschiedlichen Flaschen, die wiederum mit ganz unterschiedlichen Etiketten beklebt sind. Alles schön und gut, aber wer zum Teufel soll denn die winzige Schrift auf diesen Etiketten entziffern können? Die ist doch über die Jahre kleiner geworden, da kann mir niemand etwas erzählen. Damit du trotzdem weißt, welche „Medizin“ du da zu dir nimmst – und nicht noch aus Versehen ein Placebo erwischst – bekommst du von mir diese schicke Lesebrille. Nutze sie weise.

Ich wette, du siehst dich jetzt schon voller Vorfreude mit dem Rollator durch die Supermarktgänge streifen, deine neue Brille auf der Nase, und nach Köstlichkeiten, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot, Ausschau halten. Ein großartiges Vorhaben, denn so ein eigener Biergarten will ausgestattet werden. Ja, du hast richtig gehört. Wir haben weder Kosten noch Mühen gescheut und dir sogar einen eigenen Biergarten besorgt. Bitte schön!

In so einem Etablissement gelten natürlich Regeln. Kennt ihr zum Beispiel die Regel vom 11-Uhr-Bier? Falls nicht, habe ich gute Neuigkeiten für euch: Diese besagt nämlich, dass Bier am Wochenende bereits ab 11 Uhr ein legitimes Getränk darstellt. Glücklicherweise haben wir gerade Wochenende … und dass wir die magische Zeit überschritten haben, dürfte feststehen. Spart euch also den Blick auf die Uhr und stoßt an. Auf Holger, den besten Papa, den ich mir vorstellen kann. Auf euren lieben Freund und euren Teamkollegen. Auf einen schönen Abend – und auf ein Neues!

Alles Gute zum Geburtstag!

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